Ärzte Zeitung, 30.04.2008

HINTERGRUND

24 Jahre im Kellerverlies - und es gibt kein Patentrezept, wie man den Opfern helfen kann

Von Pete Smith

 24 Jahre im Kellerverlies - und es gibt kein Patentrezept, wie man den Opfern helfen kann

Ein Blick in das Kellerverlies, in dem Josef F. seine Tochter und drei Kinder festgehalten hat.

Foto: dpa

Die Verbrechen des Österreichers Josef F. sind so monströs, dass sie selbst nach ihrer offiziellen Aufklärung mehr Fragen aufwerfen, als es Antworten zu geben scheint. Was ist das für ein Mensch, der über Jahrzehnte nach außen hin als geachteter Bürger lebt, hinter dieser Fassade jedoch Tag für Tag seine eigenen Kinder quält und in einem Kellerverlies gefangen hält? Wie werden seine Opfer - seine 42-jährige Tochter und deren drei Kinder - nach ihrem jahrzehntelangen Martyrium weiterleben? Wie ebnet man Menschen, die in völliger Isolation aufgewachsen sind, ein Leben in Freiheit?

"So etwas sprengt unser Vorstellungsvermögen - dass man Menschen wie Tiere halten kann, ist unvorstellbar", sagt Dr. Ferdinand Haenel, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Leiter der Tagesklinik am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Diese Menschen haben eine Grenzüberschreitung in nie da gewesener Form erlebt." Als Experte müsse er konstatieren, dass er nicht wisse, wie man diesen Opfern helfen könne. "Da gibt es kein Patentrezept."

Betroffene brauchen vor allem Schutz vor den Medien

Haenel mahnt einen sorgsamen Umgang mit den Betroffenen an. "Was diese Leute brauchen, ist zunächst einmal Schutz. Schutz vor den Medien, Schutz vor dem ganzen Rummel." Denn ein Trauma habe oft verschiedene Sequenzen - das Ereignis als solches, die Reaktion der Medien und der vielen Helfer. "Und dann benötigen die Opfer Zugang zu Menschen, die sich in Vier-Augen-Gesprächen bemühen, ihnen zuzuhören." Er selbst würde zuallererst lernen wollen, was mit den Opfern geschehen ist. "Und wenn ich lange, lange zugehört habe, dann fällt mir vielleicht etwas ein, wie ich helfen könnte. Vielleicht."

24 Jahre lang hat der 73-jährige Josef F. seine heute 42-jährige Tochter Elisabeth in einem von ihm konstruierten Kellerverlies gefangen gehalten. Er fesselte, vergewaltigte und schlug sie. Während ihres Martyriums wird Elisabeth sieben Mal von ihrem Vater schwanger, ein Kind stirbt kurz nach der Geburt. Drei Kinder nimmt der Vater in seine Familie auf, zwei Töchter und ein Sohn (die heute 19-jährige Kerstin, der 18-jährige Stefan und der fünfjährige Felix) vegetieren mit ihrer Mutter ihr ganzes bisheriges Leben lang in dem 60 Quadratmeter kleinen Gefängnis - ohne Tageslicht, ohne frische Luft, ohne Kontakt nach außen. Keiner der vier Gefangenen ist jemals medizinisch versorgt worden.

Keiner der vier Gefangenen ist medizinisch versorgt worden.

Als Kerstin lebensbedrohlich erkrankt und die Polizei einen Tipp erhält, können die Gefangenen endlich befreit werden. Zusammen mit ihren Geschwistern und Elisabeths Mutter werden sie derzeit in der psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Amstetten versorgt. Der geständige Vater sitzt im Gefängnis der niederösterreichischen Landeshauptstadt Sankt Pölten ein.

Derzeit beschäftigen sich die meisten Experten mehr mit dem Täter als mit den Opfern. Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith bescheinigt Josef F. eine schwere Persönlichkeitsstörung und ein herabgesetztes Selbstwertgefühl. Er habe sich seine Tochter gefügig gemacht und sie als jederzeit verfügbare Sklavin gehalten. Seine Gefangenen seien für ihn Objekte gewesen, über die er nach eigenem Wunsch entscheiden konnte, fügt die Münchener Psychologin Professor Rita Rosner, Chefin der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie, hinzu. Mit Hilfe seines Terrorregimes habe er "eine extreme Anhängigkeit erzeugt" und sich selbst als allmächtig gefühlt.

Isolationshaft hemmte Entwicklung der Kinder

Seine vier Opfer, so Professor Ernst Berger, Psychiater am Uniklinikum Wien, seien nicht nur schwer traumatisiert, sondern aufgrund ihrer jahrelangen Isolationshaft zudem schwer depriviert. Die extreme Reizverarmung habe die Entwicklung der drei Kinder gehemmt, sagte Berger im "Heute Journal". Sein Wiener Kollege Professor Max Friedrich, der ebenso wie Berger zum Betreuerstab von Natascha Kampusch gehörte, die von ihrem Entführer acht Jahre lang festgehalten wurde, äußerte die Hoffnung, dass Elisabeth F. und ihre Kinder nach einer akuten Traumatherapie irgendwann "ein halbwegs normales Leben" haben können.

Dass die vier Opfer ihr Martyrium gemeinsam erlebt haben, könne im Nachhinein eine positive Wirkung zeigen, glaubt Rosner: "Die Tatsache, dass die Opfer zusammen eingesperrt waren und zusammen gelitten haben, kann ihnen möglicherweise helfen, das Geschehene zusammen zu verarbeiten." Inzwischen ist für sie ein Anwalt bestellt worden, der ihre Interessen vertreten soll. Darin ist sich Rosner mit ihrem Kollegen Haenel einig: "Ich hoffe, dass es den Opfern gelingen wird, sich zu schützen und dass die Details der Gefangenschaft sich nicht von ihnen ungewollt in den Medien wieder finden."

Kann Verhaltenstherapie helfen?

Die Opfer des Inzest-Falls im österreichischen Amstetten könnten nach Ansicht des Psychiaters Peter Falkai mit Hilfe einer Verhaltens- und Traumatherapie erfolgreich behandelt werden. "Es ist erstaunlich, wie gut Menschen schlimme Erlebnisse wegstecken können, besonders junge Menschen", sagte das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN).

"Dafür muss man im aktuellen Fall erst einmal genau untersuchen, welche emotionalen und kognitiven Defizite die einzelnen Opfer haben." Unter anderem müsse bei den Kindern geklärt werden, ob sie ebenfalls gequält oder misshandelt worden sind. Dann könnten sie zusammen mit ihrer Mutter Schritt für Schritt an ein relativ normales Leben herangeführt werden. (dpa)

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