Ärzte Zeitung, 05.05.2008

HINTERGRUND

Charité beurteilt Notfallpatienten nach der Dringlichkeit

Von Angela Misslbeck

Das Manchester-Triage-System zur Beurteilung der Behandlungsdringlichkeit von Notfallpatienten erfreut sich in den Rettungsstellen deutscher Kliniken wachsender Beliebtheit. Nun hat es die Charité Berlin nach eigenen Angaben als erste Universitätsklinik in Deutschland eingeführt.

Das System wird an der Charité zunächst in der neu eröffneten Rettungsstelle des Campus Benjamin Franklin (CBF) erprobt. Auch die Vivantes-Kliniken in Berlin erproben die Triage im Projektstatus an der Rettungsstelle Neukölln. Bei den Asklepioskliniken in Hamburg ist das System schon etabliert.

Patienten werden eingeteilt in fünf Dringlichkeitsstufen

Bei der Manchester-Triage werden Patienten, die nicht mit dem Rettungswagen in die Rettungsstelle kommen, in fünf verschiedene Dringlichkeitsstufen eingeteilt. Sie müssen dann entweder sofort, innerhalb von zehn Minuten, innerhalb einer halben Stunde, weniger dringlich oder nicht dringlich behandelt werden. Wird die Zeit bis zur Behandlung überschritten, erfolgt erneut eine Beurteilung des Zustands des Patienten. Bei Verschlechterung wird die Dringlichkeit erhöht, bei Verbesserung oder Stabilisierung kann sie zurückgestuft werden.

Die Einstufung erfolgt zugleich mit der administrativen Aufnahme der Patienten. Eine geschulte Pflegekraft nimmt die Kurzanamnese zur Beurteilung der Dringlichkeit vor. "Entscheidend ist, dass es eine erfahrene Pflegekraft sein muss", sagt Dr. Rajan Somasundaram, der Ärztliche Leiter der Charité-Rettungsstelle am CBF.

Kurzanamnese soll nach objektiven Kriterien erfolgen

Dass ein Arzt diese Aufgabe übernimmt, hält er für unmöglich, aber auch für unnötig: "Das ist unter den ökonomischen Zwängen derzeit gar nicht machbar und auch nicht nötig. In meinen Augen ist das sehr gut von geschulten, erfahrenen Pflegekräften zu leisten. Auch in der Arztpraxis sieht zuerst die Helferin den Patienten", sagt Somasundaram.

Bei der Kurzanamnese soll die Schwester nach harten, objektiven Kriterien entscheiden. Lebensgefahr, Blutverlust, Schmerzen, Ansprechbarkeit, Fieber und Krankheitsdauer werden abgefragt und überprüft. Innerhalb von maximal anderthalb Minuten soll die Pflegekraft die Einstufung nach dem Triage-System vorgenommen haben.

Das Vorgehen soll die Wartezeit in der Notaufnahme verkürzen.

Ein entscheidender Vorteil liegt aus Sicht von Notfallmedizinern darin, dass das Pflegepersonal objektive Kriterien an die Hand bekommt und nicht mehr auf seine subjektive Einschätzung verlassen muss. Denn in der Praxis werden Patienten, die sich selbst in den Rettungsstellen vorstellen, auch heute schon zuerst von Pflegekräften gesehen, die den Ärzten bei der Weitergabe der Patientendaten durchaus Hinweise auf die Dringlichkeit des Behandlungsbedarfs aus ihrer Sicht geben. "Das alles ist jedoch nicht standardisiert und vor allem nicht dokumentiert", so Somasundaram.

Von dem strukturierten Vorgehen in der Notaufnahme verspricht sich die Charité eine drastische Verkürzung der Wartezeiten. "Dieses System zwingt einzelne Fachdisziplinen auch dazu, schneller Ärzte in die Rettungsstelle zu schicken", sagt Somasundaram. Erleichterung erhofft sich der Rettungsstellenleiter vor allem in angespannten Situationen, wenn etwa an einem Weihnachtstag mit dünner Personalbesetzung innerhalb von drei Stunden 70 Patienten kommen.

Unberührt von der Triage bleiben die Patienten, die mit dem Rettungswagen kommen. Denn sie müssen laut Rettungsdienstgesetz direkt vom Notarzt an einen Arzt der Rettungsstelle übergeben werden. Manchmal kommt ein Herzinfarktpatient aber auch mit dem Taxi oder er wird von Freunden oder Verwandten gebracht. "In diesem Fall ist es für die Selbstvorsteller ein großer Vorteil, dass die Pflegekräfte nach objektiven Kriterien arbeiten", sagt der Leiter des Bereichs Katastrophen- und Notfallmedizin von Vivantes, Dr. Henrik Schierz. Zudem könne die erfahrene, geschulte Schwester Ärzte etwas entlasten. "Auch wenn die fachspezifisch zuständigen Ärzte nicht sofort verfügbar sind, kann die Schwester schnell über Dringlichkeit und Fachzuordnung entscheiden und die Versorgung organisieren", so Schierz.

STICHWORT

Triage

Der Begriff Triage kommt aus dem Französischen und bedeutet sinngemäß "Sortierung". Triage-Systeme zur Einstufung von Verletzten nach Behandlungsdringlichkeit sind in der Katastrophenmedizin seit längerem etabliert. Wenn viele Verletzte gleichzeitig zu behandeln sind, aber nicht genug Ärzte zur Verfügung stehen, wird nach bestimmten Kriterien festgelegt, welche Patienten zuerst und welche später behandelt werden sollen. Die Kriterien im Einzelnen sind in der Katastrophenmedizin umstritten, da es um Entscheidungen von großer ethischer Tragweite geht. In der Notfallversorgung in Deutschland spielt Triage bislang eine untergeordnete Rolle. In anderen europäischen Ländern werden die Systeme bereits häufiger angewendet. (ami)

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