Ärzte Zeitung, 03.06.2008

Die Bündnisgrünen entdecken den morbiden Mann

Männliche Selbstüberschätzung und verkannte Krankheit - ein medizinisches oder kulturelles Problem? / Für die Grünen ein Parlaments-Thema

BERLIN (af). Not am Mann haben die Grünen im Bundestag diagnostiziert und wenden sich schon aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit dem Thema "Männergesundheit" zu. Die Grünen wollen dies sogar im Bundestag debattieren.

 die bündnisgrünen entdecken den morbiden mann

Der schwächelnde Mann - für das männliche Geschlecht ist dies ein Phänomen, das aus soziokulturellen Gründen meist ausgeblendet wird.

Foto: imago

Männer in Deutschland sterben rund sechs Jahre früher als Frauen und leiden häufiger unter zum Beispiel Lungen- und Magenkrebs. Außerdem gehen Männer mehr gesundheitsgefährdende Risiken ein, zum Beispiel, wenn sie Alkohol trinken und sich als Männer beim Sport oder im Straßenverkehr glauben beweisen zu müssen. Im Beruf wie im Sex meinen Männer allzeit bereit sein zu müssen. Reagiert ihr Körper mit Stresssymptomen, werden sie verdrängt oder mit Suchtmitteln betäubt.

Früherkennung - auch Ärzte haben da Vorbehalte

Dass sie mit ihrer Gesundheit spielen, blendet eine Mehrzahl der Männer aus. Das geht aus dem österreichischen Männergesundheitsbericht von 2004 hervor. Obwohl sie deutlich seltener eine Arztpraxis von innen sehen als Frauen, schätzt sich die Mehrzahl der Männer für gesünder ein als Frauen.

Für Deutschland ist spätestens seit dem DAK-Gesundheitsreport 2008 bekannt, dass Männer Vorsorge-Muffel sind. Wesentlich seltener als Frauen nehmen sie den Check-up und krankheitsspezifische Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch.

Prostatabtastungen gelten dabei nicht nur bei Patienten, sondern auch bei Ärzten als schambesetzt. In stillschweigender Übereinkunft unterbleiben dann häufig solche Untersuchungen. Das behauptet zumindest der Leiter des Frankfurter Zentrums für Männerheilkunde, der Allgemeinarzt Haydar Karatepe.

Wie dem Mann geholfen werden kann, das wollen die Grünen gerne im Bundestag diskutieren. Die Auswertung der Ergebnisse eines Fachgesprächs zum Thema Männergesundheit könnte in eine Anfrage an die Regierung münden. Inhalt könnte der Umgang mit den umstrittenen PSA-Tests zur Früherkennung von Prostatakarzinomen und der vermuteten Übertherapie von an Prostatakrebs erkrankten Männern sein. Dies kündigte der familienpolitische Sprecher der Grünen Volker Beck im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" an.

"Das Gesundheitswesen in Deutschland hält für die männliche Sexualität vor allem IGeL-Leistungen bereit", sagte Wolfgang Harth, der am Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain den Schwerpunkt Männergesundheit leitet. Medikamente gegen sexuelle Funktionsstörungen werden ebenso wie der PSA-Test nicht von den Kassen bezahlt.

Männergesundheit sollte allerdings nicht auf die Sexualität verkürzt werden, so die Experten. Die Ursachen, warum Männer ihre Gesundheit anders wahrnehmen als Frauen, suchten die Referenten und Teilnehmer des Gesprächs vielmehr in der Erziehung und dem Bildungssystem, "weil dort die Geschlechterrollen eingeübt werden", sagte der Psychologe Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit in Niedersachsen.

"Sie leiden unter der Illusion der Unverwundbarkeit", beschrieb der Flensburger Psychologe Professor Toni Faltermaier den Ausgangspunkt der Entwicklung. Arbeitslosigkeit, zerbrochene Beziehungen und das Älterwerden zerstörten irgendwann dieses Trugbild. Viele Männer würden dann krank, weil sie mit dem Scheitern von Lebensprojekten nicht umzugehen gelernt hätten. Die Förderung von Männergesundheit müsse also schon bei Kindern beginnen. Ärzte sollten bei ihre Patienten solche Hintergründe mit abfragen, riet Haydar Karatepe aus Frankfurt.

Überlegenswert: Ein Gender-DMP

Geboten sei auch eine deutlichere Unterscheidung in Männer- und Frauenmedizin, forderte Altgeld. Zum Beispiel ließen sich durch geschlechtsspezifische DMP vergleichsweise schnell Gesundheitseffekte erzielen.

Prävention mit Broschüren und Gesundheitsbildungskurse in Volkshochschulen bringe dagegen nicht viel, sagte Altgeld. Die Männer müssten dort erreicht werden, wo sie nicht weglaufen könnten: Im Knast, im Krankenhaus und im Betrieb.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Eine Medizin für den Mann?

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