Ärzte Zeitung, 10.07.2008

Kinder machen Urlaub vom Schmerz

Junge Onkologie-Patienten aus NRW verbringen unbeschwerte Tage auf einem nordhessischen Reiterhof

GROSSALMERODE. Sie sind zwischen sechs und 13 Jahre alt und verbringen eine unbeschwerte Ferienwoche auf einem Reiterhof in Nordhessen: Kinder, die als Patienten der onkologischen Universitätskliniken in Köln und Bonn schwere Zeiten hinter sich haben.

Von Heidi Niemann

Eine Ziege so richtig zum Knuddeln: Viele Tiere auf dem Reiterhof sind zahm und mit Kindern vertraut - und die Krebsstation ist weit weg.

"Ihr müsst mir helfen, die Tische sind noch nicht abgeräumt!" Schnell laufen ein paar Kinder wieder nach oben in den Speisesaal. Sie haben Küchendienst heute. Und bevor es mit dem Tagesprogramm losgehen kann, müssen sie erstmal "klar Schiff" gemacht haben. Sie beeilen sich, denn heute ist etwas ganz Besonderes geplant: Eine Fahrt mit einer Pferdekutsche zu einem kleinen See in der Nähe des Reiterhofes Hirschberg.

Auf diesem in idyllischer Hügellandschaft gelegenen Reiterhof in der Nähe der nordhessischen Stadt Großalmerode verbringen die elf Jungen und acht Mädchen eine unbeschwerte Ferienwoche. Für die Kinder sind diese Tage viel mehr als nur ein gewöhnlicher Urlaub. Alle haben diesen Ferien seit langem entgegengefiebert, denn sie haben sehr schwere Zeiten hinter sich. Als Patienten der onkologischen Universitätskliniken in Köln und Bonn sind sie wegen unterschiedlicher Krebserkrankungen wie Leukämie, Hirntumor oder Neuroblastom behandelt worden.

Zeit, um die anstrengende Therapie zu vergessen

Auf dem Reiterhof können die Kinder die oft langwierigen Aufenthalte im Krankenhaus und die anstrengenden Therapien vergessen. Dass sie diesen erlebnisreichen und erholsamen "Urlaub vom Schmerz" machen können, verdanken sie dem Engagement der Aachener Arzneimittelfirma Grünenthal GmbH. Seit über 15 Jahren finanziert das Pharmaunternehmen jeden Sommer eine solche Reiterfreizeit für krebskranke Kinder.

Vor allem der Kontakt mit den Tieren wirkt auf viele wie ein gewaltiger Therapieschub. "Alle Kinder sind total interessiert am Reiten", sagt Sozialarbeiter Matthias Vogt. Er begleitet schon seit vielen Jahren die Reiterfreizeiten und ist immer wieder fasziniert davon, wie stark die Kinder von diesen unbeschwerten Tagen profitieren.

Hau ruck, hau ruck! Bevor die Pferde kommen, testen die Jungs, ob die Kutsche auch ohne Vierbeiner bewegt werden kann.

Fotos: Wolfgang Rink

Zum vierköpfigen Betreuerteam gehören diesmal außerdem die beiden Kinderkrankenschwestern Anja Brauer und Claudia Reifenberg sowie der Diplom-Pflegepädagoge und stellvertretende Leiter des Elternhauses des Förderkreises für krebskranke Kinder in Köln, Dirk Zurmühlen. Bei dieser Freizeit fällt es den Kinder besonders leicht, sich auf die Pferde einzulassen: "Sie sind sehr diszipliniert, und schon am zweiten Tag konnten wir einen Ausritt ins Gelände machen", erzählt Anja Brauer. Im Gegensatz zu den anderen Tagen stehen an diesem Morgen jedoch weder Voltigieren noch ein Ausritt auf dem Programm. Stattdessen steht eine Kutsche auf dem Hof.

Einige Jungen versuchen schon mal, sie ein Stück vorwärts zu ziehen, doch dann lassen sie das lieber den Kutscher machen. Interessiert verfolgen die Kinder, wie die Pferde eingespannt werden. Da nicht alle zusammen auf den Kutschbock passen, teilen sich die Kinder in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe bleibt auf dem Hof, die anderen Kinder klettern nach oben und warten erwartungsvoll darauf, dass der Kutscher die Pferde antraben lässt.

Ein Besuch bei den Kaninchen

Die anderen Kinder vertreiben sich die Zeit bis zur Rückkehr der Kutsche mit den vielen anderen Tieren auf dem Reiterhof. Und davon gibt es reichlich: Lena und Pia machen einen Besuch bei den Kaninchen. Pia holt ein Langohr aus dem Gehege und streichelt es ausgiebig. Auch andere Kinder haben die Kaninchen ins Herz geschlossen. Meike, Harriet und Luca haben ihre Eltern dazu überredet, dass sie ein Kaninchen mit nach Hause nehmen dürfen.

Große Begeisterung herrscht aber auch über die Ziegen. Auf dem Hof gibt es zwei junge Ziegen, die mit der Flasche aufgezogen wurden und deshalb sehr zahm sind - so zahm, dass die Kinder sie ausführen können. Auch den Hofhund "Konfetti" haben alle in ihr Herz geschlossen.

Am Ende der Woche kullern Tränen

Auch wenn sich fast alles um die Tiere dreht, können sich die Kinder auch ohne Vierbeiner vergnügen. Zum Beispiel in der Reithalle, wo sie aus Sand jede Menge Ritterburgen und Figuren bauen. Außerdem stehen ein Besuch im Märchenzoo und Grillen am Lagerfeuer auf dem Programm, erzählt Anja Brauer. "Es ist einfach schön zu sehen, wie die Kinder hier völlig unbeschwert herumlaufen."

Wie sehr sie diese Freiheit und das Leben auf dem Reiterhof genießen, zeigt sich auch am Ende der spannenden Woche: Als die Kinder im Bus die Heimfahrt antreten, kullern bei einigen die Tränen - weil es einfach so schön war.

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