Ärzte Zeitung, 26.08.2008

Hintergrund

Herausforderung Demenz: Grundlagen- und Versorgungsforscher ziehen an einem Strang

Die Ergebnisse der Demenzforschung sollen sich künftig schneller in der Patientenversorgung niederschlagen. Das haben sich Wissenschaftler zum Ziel gesetzt, die im "Kompetenznetz Degenerative Demenzen" zusammenarbeiten. Von Ilse Schlingensiepen

Ziel ist eine bessere Versorgung: Immer mehr ältere Menschen in Deutschland sind von Demenz betroffen.

Foto: imago

"Im Netz geht es vor allem darum, die Brücke zwischen der Grundlagenforschung und der Versorgungsforschung zu schlagen", sagt Professor Wolfgang Maier von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Bonn, der Sprecher des Kompetenznetzes.

In Deutschland wird in sehr vielen verschiedenen Disziplinen zu Demenzen gearbeitet. Es gehe darum, sie besser als bisher zu vernetzen, erläutert Maier. "Die Grundlagenforschung hat exzellente Leistungen aufzuweisen, zum Beispiel Ansatzpunkte für die Medikation, aber nichts ist bisher in der Praxis angekommen." Das wichtigste Ziel sei der höhere Nutzen für die Patienten. Zu den zentralen Aufgaben des Netze gehöre auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, sagt Maier. "Wir wollen junge Forscher für dieses Feld motivieren."

Eine gesellschaftliche Herausforderung

Ergänzt werden soll die Arbeit des Kompetenznetzes durch das künftige Deutsche Zentrum für Neuro-degenerative Erkrankungen, das in Bonn aufgebaut wird. "Wir müssen den gesellschaftspolitischen und den gesundheitspolitischen Herausforderungen durch die Demenzen etwas entgegenstellen", sagt Volker Rieke, Unterabteilungsleiter der Abteilung Lebenswissenschaft, Forschung für Gesundheit des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Das Ministerium fördert das Kompetenznetz in den nächsten zwölf Jahren mit rund 50 Millionen Euro. "Ziel des Netzes ist es, über eine gute Grundlagenforschung zur klinischen Anwendung und zur therapeutischen Entwicklung zu gelangen", sagt Rieke.

Die Forschergruppen im Kompetenznetz Degenerative Demenzen gliedern sich in drei Verbünde.

Verbund 1: Degenerative Demenzen - Suche nach Angriffspunkten und Brückenschlag zu klinischen Behandlungsstrategien. "Es geht darum, bestimmte Charakteristika der Pathologie zu erforschen", sagt Professor Jörg Schulz, Direktor der Abteilung Neurodegeneration und Neurorestaurationsforschung der Universität Göttingen. Ziel des Forschungsverbunds ist es, der Proteinaggregation und -ablagerung entgegenzutreten.

Entscheidend sei, bei Patienten zu einem möglichst frühen Zeitpunkt eine spezifische Diagnose zu treffen. Schulz hält es für notwendig, dass jeder Patient mit einer diagnostizierten Demenz ein Bild gebendes Verfahren erhält, um die richtige Therapie zu finden. "Nur sieben Prozent aller Demenzpatienten bekommen jemals Bildgebung", sagt er.

Verbund 2: Mechanismen und therapeutische Anwendungen von non steroidal anti inflammatory drugs (NSAID) und abgeleiteten Verbindungen in Modellen der Alzheimer-Erkrankung. Viele epidemiologische Studien haben gezeigt, dass die Langzeiteinnahme nichtsteroidaler Antirheumatika das Risiko verringert, an Alzheimer zu erkranken, und den Beginn der Erkrankung deutlich verzögern kann. Die Wissenschaftler wollen die präventiven Mechanismen der NSAID aufklären. Gleichzeitig geht es um die Entwicklung weitere Wirkstoffe für die Prävention der Alzheimer-Erkrankung.

"Es gibt einige neue Therapieansätze, um an der Ursache der Erkrankung anzusetzen", berichtet Professor Sascha Weggen, Leiter der Arbeitsgruppe "Molekulare Neuropathologie" am Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Düsseldorf. Zwar gebe es die Aussicht, wirklich wirksame Mittel zu finden. "Man sollte aber vorsichtig sein und abwarten, was die weiteren Studien bringen, um Patienten nicht zu viel Hoffnung zu machen", warnt er.

Verbund 3: Epidemiologie, Früherkennung, Primärversorgung und Versorgungskosten degenerativer Demenzen. Kernstück sind zwei Versorgungsforschungsstudien: In einer Kohortenstudie werden rund 3400 Patienten aus Allgemeinarztpraxen begleitet, die anfänglich nicht an einer Demenz erkrankt waren. Sie wurden bereits 2001 bis 2003 im ehemaligen Kompetenznetz Demenzen rekrutiert. Bei diesen Patienten werden in 1,5-jährigen Abständen die geistigen Fähigkeiten getestet, Blutabnahmen gemacht, klinische Krankheitsdiagnosen erfasst und die Hausärzte befragt.

Daten der Gmünder Ersatzkasse ausgewertet

In einer parallelen Studie werten Wissenschaftler unter Leitung von Professor Gerd Glaeske fallbezogene Daten der Gmünder Ersatzkasse aus, um die Versorgungssituation der Betroffenen zu erfassen. "Auf Grundlage der Kassendaten werden die Inanspruchnahme von Leistungen, die Kosten und die Verschreibungsgewohnheiten der Ärzte untersucht", sagt Netz-Sprecher Maier.

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