Ärzte Zeitung, 01.09.2008

Kommentar

Orientierung am kranken Menschen

Von Helmut Laschet

Der Honorarabschluss für die Vertragsärzte markiert einen Meilenstein in der Geschichte der niedergelassenen Ärzte. Das liegt nicht nur an der schieren Höhe des globalen Honorarzuwachses von 2,7 Milliarden Euro oder mehr als zehn Prozent der Gesamtvergütung - der höchsten absoluten und relativen Steigerung, die jemals realisiert werden konnte.

Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik

Es gibt Stimmen, die den Erfolg der schwierigen Verhandlungen, die mehrmals vor dem Scheitern standen, primär an idealtypischen Forderungen von sieben oder acht Milliarden Euro messen, weil sie unterstellen, dass Ärzte rund 30 Prozent ihrer Leistungen ohne Entgelt erbracht haben. Über den Realitätsgehalt solcher Forderungen, die den Nachholbedarf aus der Budgetierungsphase beschreiben, darf gestritten werden.

Ob der Nachschlag reicht, mag strittig bleiben.

Unstrittig ist allerdings, dass die Bemessung, Verteilung und Weiterentwicklung des Honorars künftig nach neuen, an der Morbidität und Praxiskostensteigerung orientierten Kriterien geschieht. Dieser Schritt bedeutet das Ende der 1993 vom Gesetzgeber fixierten Budgetierung. Charakteristisch für diese Budgetierung war ihre alleinige Orientierung an der Beitragssatzstabilität und damit an der exogenen vorgegebenen Steigerung der Grundlohnsumme.

Dieses Paradigma der einnahmenorientierten Ausgabenpolitik hatte zur Folge, dass seit 1993 - von einigen wenigen Korrekturen abgesehen - wachsende Morbidität von den Schultern der Krankenkassen und Beitragszahler auf die der Vertragsärzte verlagert wurde. Dieses Paradigma war auch die Ursache dafür, dass strukturelle und konjunkturelle Schwächen der Volkswirtschaft zu einem Risiko für die Ärzte wurde. Deren eigentliche Aufgabe, kranken Menschen zu helfen, wurde damit entfremdet.

Natürlich gibt es Grenzen des Wachstums

Zusammen mit der Schaffung des Gesundheitsfonds, dessen wesentliche Aufgabe das Management des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs ist, bildet die Honorarreform den Paradigmenwechsel der Gesundheitspolitik, der in dieser Legislaturperiode geschafft worden ist. Richtig ist dabei, dass die Ausgaben für Gesundheit künftig weiter budgetiert sind. Einen Weg zurück zu dem nahezu schrankenlosen Wachstum in der Phase sozialpolitischer Euphorie von 1969 bis 1975 wird es nicht geben und nicht geben können.

Kein vernünftig denkender Arzt erwartet dies. Für die Zukunft - und die ist bestimmt von einer alternden und kränker werdenden Gesellschaft - bedeuten die neuen Spielregeln eine Chance für eine gute ärztliche Versorgung.

Lesen Sie dazu auch:
Honorarwende für die Vertragsärzte
Arzthonorar: Geld allein reicht nicht!
Kassen hadern mit Ergebnis
Klippe 1: Prävention und extrabudgetäre Leistungen
Klippe 2: Das Aus für Verträge über Honorarverteilung
Klippe 3: Verteilung unter Regionen und Fachgruppen


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