Ärzte Zeitung, 17.11.2008

Jetzt auch mitten in Hessen: Niedergelassene als Praxisnachfolger dringend gesucht!

Er ist Vizepräsident der Landesärztekammer Hessen, Hausarzt in Braunfels und mit den Widersprüchen ambulanter Versorgung bestens vertraut. Martin Leimbeck schlägt Alarm: In Hessen ist es zunehmend schwierig, Nachfolger für Arztpraxen zu finden.

Von Sabine Schiner

Jetzt auch mitten in Hessen: Niedergelassene als Praxisnachfolger dringend gesucht!

"Hausärzte sind immer das Schlusslicht."
Martin Leimbeck Hausarzt, Kammer-Vize in Hessen

60-Stunden-Woche, schlechter Stundenlohn, viel Bürokratie, Regressdrohungen: Die Arbeitsbedingungen in den Praxen schrecken viele junge Ärzte ab. "Die Attraktivität des Arztberufes ist so stark gesunken, dass uns der Nachwuchs ausgeht", sagt Martin Leimbeck, Vize-Präsident der Landesärztekammer Hessen in Frankfurt/Main. Vor allem auf dem Land werde es zunehmend eng. Wie eng, das erlebt er jeden Tag. Leimbeck ist Landarzt.

Auf dem Weg zu seiner Praxis ist die Welt noch in Ordnung. Von Frankfurt aus geht es etwa eine Stunde auf der Autobahn nach Wetzlar, dann weiter auf der Landstraße nach Braunfels-Phillipstein. Ein Luftkurort mit einem Schloss, einem Kurpark und 11 000 Einwohnern. Jeder im Ort kennt den Hausarzt. "Fahren Sie noch ein kurzes Stück geradeaus und dann links", beschreibt eine Frau mit Kinderwagen ohne zu zögern den Weg.

Heile Hausarzt-Welt? Die gibt‘s nicht mehr!

Doch was nach heiler Welt aussieht, bröckelt. Im Lahn-Dill-Kreis sind einige Arztsitze seit langem unbesetzt. "In Herborn sucht ein Hausarzt-Kollege seit anderthalb Jahren einen Nachfolger", erzählt Leimbeck (51). In Wetzlar gebe demnächst ein Hausarzt seine Praxis auf - bislang hat sich niemand gefunden, der sie übernehmen will. Typisch ist auch der Altersdurchschnitt: Etwa 30 bis 40 seiner Kollegen sind 45 bis 60 Jahre alt. Die jüngeren Kollegen kann er an beiden Händen abzählen: Es sind gerade mal zehn im Alter zwischen 30 bis 45. Leimbeck: "Das stimmt mich pessimistisch."

Seine Praxis ist an diesem Freitagnachmittag voll besetzt. Leimbeck erledigt an der Anmeldung den Papierkram - und ärgert sich: "Das ist jetzt schon das x-te Formular an diesem Tag was soll ich noch alles machen!" Seine Mitarbeiterin zuckt nur mit den Schultern und gibt einer Patientin einen neuen Termin. Das Telefon klingelt. Alltag in einer Landarztpraxis.

"Man muss den Druck aushalten können", sagt Leimbeck. Er ist ein Arzt, der die Ärmel hochkrempelt und zupackt, wenn er vor Problemen steht. Deshalb ist er auch in der Ärztekammer aktiv.

Trotzdem setzt ihm die Arbeitssituation zu: "Die Regressregelung im Heilmittel- und Arzneimittelbereich ist eine Zumutung, die Bürokratie ist motivationsfeindlich." Er kritisiert auch die Bezahlung. "Hausärzte sind immer das Schlusslicht", sagt er und nennt ein Beispiel: "Wenn ich heute Nachmittag eine Stunde mit der Ehefrau eines Mannes rede, der mit 48 Jahren plötzlich gestorben ist, dann ist das vom Honorar her deutlich weniger wert als das Legen eines Katheters."

Das Problem des Ärztemangels ist bei vielen Politikern bereits angekommen. "Immer mehr Bürgermeister und Landräte rufen beim Sozialministerium an und bitten um einen Doktor." Immer wieder gibt es auch Erfolgsmeldungen. Aus Herleshausen beispielsweise, einer 3300-Einwohner-Gemeinde in Osthessen. Als dort einer der beiden Hausärzte Ende letzten Jahres seine Praxis aufgab, schlug Bürgermeister Helmut Schmidt die Werbetrommel und rief einen runden Tisch mit Politikern und Ärzten ein.

Den neuen Arzt bekam er allerdings nicht von der KV zugewiesen - dazu verhalf letztlich ein Bericht in der "Ärzte Zeitung". Eine Hausärztin hatte den Text gelesen und sich auf die Stelle beworben - und sich niedergelassen. Praxisräume und Wohnung bekam sie von der Gemeinde zur Verfügung gestellt.

Gemeindeschwestern könnten eine Option sein

"Solche Hilfen sind notwendig, um Ärzte aufs Land zu ziehen", sagt Leimbeck. Dazu gehört auch das Angebot von günstigen Darlehen. Und auch über den Einsatz von Gemeindeschwestern, etwa zur Betreuung von chronisch Kranken, könne man reden - wenn es prinzipiell Sache der Ärzte ist, die Einsätze dieser Schwestern zu delegieren und zu koordinieren.

Das Grundproblem ist für ihn damit allerdings nicht gelöst: "Der zunehmende wirtschaftliche Druck macht eine Versorgung nach ethischen Gesichtspunkten zunehmend unmöglich", sagt Leimbeck. Das demotiviere: "Wer sich innerlich von seinem Beruf verabschiedet hat, kann keine jungen Kollegen motivieren."

Er fordert deshalb einen gesellschaftlichen Diskurs. "Welche Leistungen soll die GKV in Zukunft noch finanzieren? Was ist uns die Basisversorgung wert? Darüber müssen wir ganz offen reden."

Ärztemangel in Hessen

Die KV hat im November 42 freie Arztsitze nach Paragraf 103 SGB V ausgeschrieben, darunter sind 14 Sitze für Allgemeinmediziner und Internisten. Drei Hausärzte werden in Frankfurt gesucht, je einer in Kassel und Wiesbaden - die restlichen Stellen sind auf dem Land frei. (ine)

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