Ärzte Zeitung, 21.11.2008

Fit sein - ein Aktionstag an Bayerns Schulen

In allen bayerischen Schulen steht am morgigen Samstag das Thema Gesundheit auf dem Unterrichtsplan. Das Motto: Fit sein, sich gesund ernähren - und das mit Freude und Spaß.

Trommeln mit dem Pezziball - Bewegungsprogramm nicht nur für Jugendliche.

Fotos: Bruckner-Groß/Medau-Schule

Fit sein - ein Aktionstag an Bayerns Schulen

,, Schule sollte Kindern Wissen über ein gesundes Leben vermitteln. Professor Jochen Medau Sportmediziner, Coburg

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Übergewichtigen verdreifacht. Die WHO spricht für Europa heute schon von einer Epidemie und schätzt, dass bis zum Jahr 2010 etwa 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung und zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Europa unter Adipositas leiden werden.

Gewichtsprobleme und Haltungsschäden

Experten wie Professor Jochen Medau, Sportmediziner und Leiter der Medau-Schule für Physiotherapie/Gymnastik und Logopädie in Coburg, warnen daher seit Jahren vor den Folgen von Übergewicht bei Kindern. Immer wieder weisen sie darauf hin, "dass für die betroffenen Kinder Gewichtsprobleme und Folgeerkrankungen im Erwachsenenalter programmiert sind". So gebe es immer mehr und vor allem immer jüngere Diabetiker. Darüber hinaus könne sich durch Übergewicht das Knochenwachstum nicht entsprechend entwickeln. Medau: "Die Folge sind Haltungsschäden bei jungen Erwachsenen, die zu chronischen Leiden führen können."

Eine im Jahr 2003 gestartete Studie des Robert-Koch-Instituts mit mehr als 17 000 Kindern und Jugendlichen zeigt, dass der Anteil der übergewichtigen Kinder mit dem Alter steigt. Während neun Prozent der Drei- bis Sechsjährigen zu viel Gewicht haben, sind es bei den Sieben- bis Zehnjährigen bereits 15 Prozent und bei den 14- bis 17-Jährigen sogar 17 Prozent.

Auffällig ist, dass der Anteil übergewichtiger Kinder im Grundschulalter von sieben bis zehn Jahren im Vergleich zu Jüngeren am deutlichsten zunimmt. Offensichtlich beginnt mit dem Schuleintritt das ungesunde Leben der Kinder - geprägt durch wenig Bewegung und falsche Ernährung.

Die Schule ist also in doppelter Hinsicht in der Pflicht: "Sie sollte den Kindern zum einen Wissen über ein gesundes Leben vermitteln zum anderen auch die Umsetzung ermöglichen", sagt Medau. Denkbar, erläutert er weiter, "sind Kioske, Kantinen und Getränkeautomaten mit gesunden Speisen und Getränken wie Obst, Gemüse, Milch, Fruchtsäfte und vor allem ein großes Angebot an sportlichen Aktivitäten im Unterricht und in freiwilligen Arbeitsgruppen." Außerdem aus seiner Sicht wichtig: "Ein sportgestalteter Pausenhof, der zum Toben einlädt."

Denn Sport und Bewegung machen aus Sicht von Medau nicht nur den Körper fit und dienen damit der Krankheitsprävention, sondern vermitteln den Kindern auch soziale Kompetenz wie Teamfähigkeit, Ansporn zum Gewinnen oder etwa das Verschmerzen von Niederlagen. Begeisterungsfähigkeit und Selbstvertrauen werden gestärkt und können nach Einschätzung der WHO sogar die Anfälligkeit für Drogen vermindern und die Gewaltrate unter Jugendlichen senken.

Um sowohl den Kindern als auch ihren Eltern sowie der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass die Schulen das Problem nicht nur erkannt haben, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung beitragen wollen, hat das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus den 22. November 2008 als "Tag der Gesundheit" festgelegt. Alle Schulen in Bayern sind aufgerufen, diesen Tag unter das Motto "Gesundheit und Bewegung" zu stellen. Der Gesundheitstag kann von den einzelnen Schulen frei gestaltet werden. Aus dem vielfältigen Angebot kann dafür zum Beispiel ein "Hauptthema" für die gesamte Schule ausgewählt werden. Möglich ist aber auch, mehrere Themen für die verschiedenen Jahrgangsstufen und Klassen zu wählen.

Gemeinsames Frühstück als Start in den Tag

Schüler und Lehrkräfte starten an vielen Orten mit einem gemeinsamen gesunden Frühstück in den Tag. An den Schulen schließen sich sportliche Aktivitäten und Informationsveranstaltungen zu allen Feldern rund um die "Gesundheit" an. Um 10.10 Uhr können alle Schüler und Lehrkräfte gemeinsam über Radio "Bayern 3" ein Fitness-Programm absolvieren. Die Anleitung dazu liefern prominente Sportler wie etwa Skiläufer Felix Neureuther.

"Diese Initiative ist sicher ein erster, wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Eine Verbesserung der Situation wird jedoch nur in Zusammenarbeit von Schulen, Behörden und vor allem der Eltern möglich sein", sagt Sportmediziner Professor Medau. "Wenn es gelingt, die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen für ein gesundes Leben zu wecken, ist der Rest ein Kinderspiel", zeigt er sich überzeugt. (eb)

Trommeln mit dem Pezziball - Bewegungsprogramm nicht nur für Jugendliche

Fit sein, sich gesund ernähren, darum geht's beim Gesundheitstag am Samstag in Bayerns Schulen. Zum vielfältigen Angebot gehört - zumindest im Gymnasium Wertingen bei Augsburg - der "drumdance", ein spezielles Programm, das Kinder für Bewegung und für eine bewusstere Wahrnehmung des eigenen Körpers sensibilisieren soll. Initiatorin Susanne Bruckner-Groß ist in den Gesundheitstag eingebunden. Sie bietet in Wertingen einen Kurs für Schüler und eine Lehrerfortbildung an. Das Konzept: Rhythmisches Austoben mit Pezzibällen als Trommelgeräte, ergänzt um Elemente aus der sogenannten Medau-Bewegungslehre - dazu gehört auch die Vermittlung eines leichtfüßigen, gymnastischen Gangs.

Fotos: Bruckner-Groß/Medau-Schule

www.medau-schule.de

Topics
Schlagworte
Politik & Gesellschaft (74591)
Panorama (30661)
Organisationen
WHO (3061)
Krankheiten
Adipositas (3083)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »