Ärzte Zeitung online, 03.12.2008

Behindertenverbände fürchten wegen Wirtschaftskrise Rückschläge

BERLIN (dpa). Behindertenverbände sorgen sich angesichts des Wirtschaftsabschwungs vor sozialen Rückschlägen. "Unter behinderten Menschen geht die Befürchtung um, dass sie zu den ersten gehören werden, die die Wirtschaftskrise mit voller Wucht erfasst", sagte der Vorsitzende des Deutschen Behindertenrates, Walter Hirrlinger, am Mittwoch in Berlin. Es treffe Menschen, die immer noch in vielen Lebensbereichen massiv benachteiligt seien.

Die Arbeitslosigkeit bei Behinderten sei 50 Prozent höher als bei Nicht-Behinderten, erklärte Hirrlinger. Auf den Abschwung dürfe die Politik nicht mit Stillstand reagieren. Nötig sei ein Investitionsprogramm. Bahnhöfe, Busse und Bahnen, aber auch Geschäfte oder Arztpraxen müssten schneller auch für behinderte Menschen gut zugänglich sein. Dies komme auch älteren Menschen und Müttern mit Kinderwagen zugute. "Aber auch die Wirtschaft muss mehr tun, um Barrieren abzubauen", sagte Hirrlinger zum "Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung".

Die Vizepräsidentin des Sozialverbands Deutschland, Marianne Saarholz, kritisierte die Benachteiligung behinderter Kinder im deutschen Schulsystem. Sie dürften häufig nicht die allgemeinen Schulen besuchen - oft gegen den Willen ihrer Eltern. Nur knapp 16 Prozent der behinderten Schüler würden gemeinsam mit Nicht-Behinderten lernen. In europäischen Nachbarländern seien es 60 bis 80 Prozent. Rund vier Fünftel aller Sonderschüler blieben hierzulande ohne Schulabschluss.

Defizite bei der gesundheitlichen Versorgung behinderter Menschen bemängelte Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe. Erwachsene Patienten mit schwerer geistiger, körperlicher und mehrfacher Behinderung erhielten oft nicht die für sie notwendige ärztliche Versorgung, sagte er. Für behinderte Kinder und Jugendliche sei das inzwischen flächendeckend gewährleistet. Erreichten sie aber das Erwachsenenalter, breche die Versorgung ab.

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