Samstag, 11. Februar 2012
Ärzte Zeitung, 22.12.2008

"Wanderkardiologen" starten in Brandenburg

In einem Forschungsprojekt wird erprobt, ob sie mit telemedizinischer Unterstützung effizient arbeiten können

POTSDAM/WITTSTOCK/TEMPLIN (ami). So genannte "Flying Doctors" oder "Wanderärzte" sind umstritten: Ein Forschungsprojekt will in Brandenburg erproben, ob sie mit telemedizinischer Unterstützung für Herz-/Kreislaufpatienten dasselbe leisten können wie eine Vor-Ort-Versorgung durch Kardiologen. Hausärzte sollen im Fontane-Projekt in Nordbrandenburg die Hauptrolle übernehmen.

Diagnose via Telemedizin - eine Option auch für Kardiologen in Brandenburg?

Foto: Philips

"Der Hausarzt ist die zentrale Figur. Für ihn müssen alle anderen arbeiten, egal ob Schwester Agnes oder das Exzellenzzentrum der Charité", sagt Projektleiter Dr. Friedrich Köhler vom Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité Berlin. Weil es in manchen Teilen Brandenburgs kaum oder gar keine niedergelassenen Kardiologen mehr gibt, sucht das Projekt nach alternativen Lösungen.

Vorgesehen ist, dass "Wanderkardiologen" einmal pro Woche in einer Hausarztpraxis der unterversorgten Region Sprechstunden abhalten. Zusätzlich sollen die Herzpatienten ihre Messdaten selbst erheben. Geplant ist, dass diese telemedizinisch ausgewertet und dann weitere Diagnostik oder Therapieschritte eingeleitet werden. Bei Bedarf steht das Charité-Zentrum Ärzten beratend zur Seite. Es übernimmt zugleich die Projektkoordination.

Hausbesuchskräfte der Ärzte sollen gegebenenfalls eingebunden werden. Das fordert auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Dagmar Ziegler. "Das Projekt muss mit unseren Agnes-Gemeindeschwestern verzahnt werden", so Ziegler. Der märkische Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns erwartet von dem Projekt konkrete Antworten darauf, wie die ärztliche Versorgung in ländlichen Regionen angesichts des demografischen Wandels gestaltet werden kann. Als "Weltinnovation" betrachtet er die biomarkerbasierte Diagnostik- und Therapiesteuerung, die klinisch erprobt werden soll.

An dem Projektkonsortium "Fontane" wirkt auf der wissenschaftlichen Ebene außer der Charité das Hasso-Plattner-Institut Potsdam mit. Die AOK Brandenburg und die Barmer Ersatzkasse begleiten das Projekt. Unterstützt wird es zudem von den niedergelassenen Kardiologen im Kardionetz Brandenburg, der KVComm-Tochter der KV Brandenburg und der Zukunftsagentur Brandenburg. Hauptindustriepartner sind T-Mobile und die regionalen Unternehmen getemed und Brahms.

Das Konsortium hat eine Projektentwicklungsförderung von 100 000 Euro beim Wettbewerb der "Gesundheitsregionen der Zukunft" beim Hauptstadtkongress im vergangenen Jahr erhalten. Ob es auch von der Förderung in der zweiten Runde des Wettbewerbs profitiert, entscheidet sich beim nächsten Hauptstadtkongress im Mai. Fontane versteht sich als Versorgungsforschungsprojekt. Der Erprobung der neuen Struktur in der kardiologisch unterversorgten Region rund um Templin soll eine Kontrollstudie mit Hausarztnetz, Telemedizin und Kardiologen vor Ort in der Gegend um Wittstock/Dosse gegenübergestellt werden.

Die Versorgung von Herzpatienten in Brandenburg liegt nach dem aktuellen Herzbericht von Dr. Ernst Bruckenberger im Argen. Das Risiko an einem Herzinfakt zu sterben ist dort mit 106 Todesfällen je 100 000 Einwohner bundesweit am höchsten. Im Landkreis Ostprignitz-Ruppin überschreitet die Herzinfarktsterblichkeit den Bundesdurchschnitt um mehr als 90 Prozent. Als Ursache gelten weite Wege zur Notfallversorgung.

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