Ärzte Zeitung online, 23.12.2008

Immigrantenkinder öfter übergewichtig als deutsche Kinder

AUGSBURG/KÖLN (dpa). Immigrantenkinder sind häufiger übergewichtig als die Kinder deutscher Eltern. Das ergab eine Studie des Augsburger Gesundheitsamtes, das 2306 Schulanfänger in Augsburg untersucht hat. Kinder, die nicht Deutsch zur Muttersprache hatten, waren etwa doppelt so häufig übergewichtig oder fettleibig wie Deutsch sprechende Kinder.

Nach Angaben der Forscher sehen Immigrantenkinder mehr fern, treiben weniger Sport und essen weniger Mahlzeiten pro Tag am gemeinsamen Familientisch. All das seien mögliche Gründe für die Ungleichverteilung, schreiben die Wissenschaftler im "Deutschen Ärzteblatt". Sie möchten Immigrantenkinder zu mehr Sport anregen.

Nach Angaben der Gruppe um die Ärztin Elisabeth Weber war insgesamt fast jedes siebte Kind (13 Prozent) übergewichtig, jedes zwanzigste sogar fettleibig (5 Prozent). Erhöhtes Gewicht war bei den Türkisch sprechenden Kindern besonders häufig: Hier war mehr als jedes fünfte Kind übergewichtig oder fettleibig (22,8 Prozent), im Vergleich zu etwa jedem zehnten Kind deutscher Eltern (9,7 Prozent). Bei Russisch sprechenden Kindern hingegen traten Übergewicht und Fettleibigkeit mit 7,6 Prozent am seltensten auf. Nach Angaben der Forscher ist die Augsburger Studie in hohem Maße repräsentativ für die Situation in ganz Deutschland.

Kinder aus Immigrantenfamilien treiben nach Angaben der Forscher seltener Sport: 63,6 waren nicht Mitglied einer Sportgruppe, verglichen mit 42 Prozent aller deutschen Kinder. Etwa zwei Drittel der Türkisch und Russisch sprechenden Kinder sahen täglich ein bis drei Stunden fern oder saßen am Computer. Das waren doppelt so viele wie unter den Deutsch sprechenden Kindern. Auch das Essverhalten unterscheidet sich stark: Türkisch sprechende Kinder aßen beispielsweise weniger Mahlzeiten am Tag und zudem weniger häufig zusammen mit der Familie. Die Ergebnisse lassen laut Weber und Kollegen vermuten, dass Kinder ohne Familientisch häufiger und unkontrollierter essen und daher zu Übergewicht neigen.

"Schlechte Sprachkenntnisse wirken oft als Barriere für einen aktiveren Lebensstil", schreiben die Wissenschaftler. Daher solle man die Eltern in der jeweiligen Muttersprache über gesündere Ernährungs- und Bewegungsverhalten für Kinder informieren. Sie empfehlen zudem, dass Stadtteile mit höherem Ausländeranteil mehr Sport- und Spielangebote erhalten, die für die Familien verkehrs- und kostengünstig gelegen sind. Ein Augsburger Projekt wolle künftig auch Kinder mit Migrationshintergrund gezielt in Sportvereine integrieren.

Die Forscher haben Gewicht und Größe von 93 Prozent aller Kinder dokumentiert, die 2007 in Augsburg eingeschult wurden. In einem anonymen Fragebogen gaben die Eltern Auskunft über die Muttersprache, das Essverhalten, den Fernsehkonsum und die Sportaktivitäten des Kindes. Die Muttersprache von 61 Prozent aller Kinder war Deutsch, beinahe jedes fünfte Kind sprach Türkisch (17 Prozent). Russisch war mit 8 Prozent die dritthäufigste Gruppe. 14 Prozent der Kinder kamen aus anderen Herkunftsfamilien, etwa aus griechischen.

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