Ärzte Zeitung, 20.01.2009

Pädiater klagen: Alkohol ist für Jugendliche zu leicht zu bekommen

Die Zahl der Klinikbehandlungen wegen einer akuten Alkoholvergiftung hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Ein Drittel der Patienten sind Mädchen. Eine Tagung in Saarbrücken zeigte, wie problematisch die Lage bereits geworden ist.

Von Andreas Kindel

Pädiater klagen: Alkohol ist für Jugendliche zu leicht zu bekommen

Foto: dpa

Was versteht man unter "Sieben Schluck-Trinken"? Der Neunkirchner Kriminalhauptkommissar Gernot Müller erklärt das so: "Jugendliche lassen eine Zigarette kreisen, jeder nimmt einen Zug und bei wem zuerst die Asche abfällt, der muss sieben Schluck aus der Wodka-Flasche trinken - und zwar ohne abzusetzen". Bei so einem Besäufnis im Saarland hätten 15 Jugendliche vor einiger Zeit fünf Flaschen Wodka, eine Flasche Korn, zwei Flaschen Sekt und vier Kisten Bier-Mix dabei gehabt. Für die 15-jährige Laura sei das zuviel gewesen. Sie musste mit 2,4 Promille Alkohol im Blut ins Krankenhaus.

Laura ist eine von rund 280 Jugendlichen, die im Saarland pro Jahr mit akuter Alkoholvergiftung in eine Klinik eingeliefert werden. Wie der Diplom-Psychologe Markus Zimmermann vom saarländischen Gesundheitsministerium jetzt auf der Fachtagung "Alkoholkonsum und jugendliche Alkoholexzesse" in Saarbrücken berichtete, ist die Zahl der stationären Behandlungen von 2000 bis 2006 bundesweit um 120 Prozent gestiegen. 2006 seien insgesamt 16 125 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren wegen akuter Alkoholvergiftung in einem Krankenhaus behandelt worden. "Der Alkoholkonsum", so Zimmermanns Fazit, "hat sich bei den Jugendlichen in den letzten Jahren zu einem massiven Alkoholmissbrauch entwickelt". In keiner anderen Altersgruppe gebe es so viele Behandlungsfälle.

Dass auch Mädchen wie die 15-jährige Laura volltrunken in der Klinik landen, ist längst keine Ausnahme mehr. Ein Drittel der jugendlichen Patienten mit akuter Alkoholvergiftung sind inzwischen Mädchen.

Für den Saarbrücker Kinder- und Jugendarzt Dr. Klaus Kühn ist das kein Wunder. "Die Zeiten haben sich geändert. Die Mädchen wollen mitmachen", sagte Kühn, der auch zu den Mit-Verfassern des ersten saarländischen Kinder- und Jugendberichts gehört.

Eine nicht-repräsentative Befragung von 330 Jugendlichen bei einem Open Air-Konzert letzten Sommer in Saarbrücken stützt Kühns Aussage. 72 Prozent der Mädchen und jungen Frauen zwischen neun und 24 Jahren gaben dabei an, schon mal Alkohol getrunken zu haben, elf Prozent hatten sich auch gezielt betrunken. Zu ihren Motiven sagten sie: Trinken sei "cool".

Zahlreiche elfjährige Mädchen sagten den Interviewern, ihre Eltern hätten keine Ahnung, dass sie Alkohol trinken. Dabei setzen gerade die Kinderärzte auch auf das Elternhaus. "Wenn wir Jugendlichen helfen sollen, müssen sie auch in die Praxis geschickt werden. Die kommen aber nicht", klagte Klaus Kühn. "Das ist unser größtes Problem". So komme zur Vorsorge-Untersuchung für die zwölf bis 15-Jährigen nur noch jeder Dritte. Dabei böte das Gespräch die Chance, über die Gefahren des Alkoholkonsums zu informieren. 90 Prozent der Jugendlichen schafften nach einer Experimentierphase den kontrollierten Umgang mit Alkohol, so Kühn, aber zehn Prozent hätten Probleme.

Jugendliche wissen aus der TV-Werbung, welcher Alkohol "in" ist.

Immer wieder war auf der Saarbrücker Fachtagung zu hören: Alkohol sei für Jugendliche viel zu leicht zu bekommen. "Dumping-Preise" prangerte Kinderarzt Kühn an. Und der Chefarzt der Berliner Vivantes-Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. Oliver Bilke, beklagte, dass Alkohol über den Tankstellenverkauf inzwischen 24 Stunden am Tag erhältlich sei und Jugendliche immer wieder Volljährige fänden, die für sie den Schnaps im Supermarkt kaufen.

Doch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), warnte in einem Grußschreiben vor Fatalismus. Sie warb dafür, wenigstens die Aufmerksamkeit des Personals in den Geschäften zu schärfen. Das könne man zum Beispiel mit Erinnerungen im Display der Kassen und speziellen Schulungen für Verkäuferinnen erreichen.

Woher aber wissen die Jugendlichen, welche Alkoholika gerade "in" sind? Bei der Befragung beim Saarbrücker Open-Air-Konzert im vergangenen Jahr nannten die Jugendlichen als erstes ihre Freunde, dann die TV-Werbung. Der Geschäftsführer des Kieler Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung, Dr. Reiner Hanewinkel, berichtete, dass für die Alkoholwerbung in Deutschland 2007 mindestens 556 Millionen Euro ausgegeben worden seien.

Für ihn ist klar, dass die Schnaps-Werbung beim Nachwuchs auch wirke. Tests mit TV-Spots hätten gezeigt, dass bereits Siebtklässler über die Alkoholwerbung besser Bescheid wissen als viele Erwachsene. Und in einer Studie mit über 3000 zehn- bis 16-Jährigen habe man festgestellt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit Alkoholwerbung und der Wahrscheinlichkeit für Alkoholkonsum gebe. Den Tagungsteilnehmern empfahl Hanewinkel zum Schluss: "Fragen Sie ihre Kinder heute Abend doch mal, welche Alkoholwerbung sie kennen". Manch einer werde sich wundern, was der Nachwuchs alles aufzählen könne.

"Klasse 2000" - Projekt zur Suchtprävention

Ein Weg der Suchtprävention ist die Gesundheitsförderung an Schulen. Dazu bietet zum Beispiel der Nürnberger Verein "Klasse 2000" bundesweit Unterrichtsmaterialien für die Grundschulen an. Für jedes Schuljahr erhalten Lehrer Vorschläge für etwa zwölf Unterrichts-Einheiten. Für die Klassen gibt es Spiele, Plakate und eine CD mit Ideen für Bewegungspausen und mit Entspannungs-Geschichten. Außerdem kommen für zwei bis drei Unterrichtseinheiten externe "Klasse 2000-Gesundheitsförderer" in die Grundschulen. Im Schuljahr 2007/2008 hatten mehr als 290 000 Kinder aus 12 350 Grundschulen aus ganz Deutschland am Projekt "Klasse 2000" teilgenommen. (kin)

Mehr Informationen im Internet unter: www.klasse2000.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zeit für aggressive Maßnahmen

Viel Geschwätz, wenig Taten: Zeit für aggressive Weichenstellungen in der Diabetes-Prävention, meinen Fachleute. Sie fordern die Lebensmittel-Ampel und Steuern auf ungesunde Produkte. mehr »

Beim Thema Luftschadstoffe scheiden sich die Geister

Gesundheitliche Gefahren von Luftverschmutzung sehen Pneumologen vorrangig als ihr Thema an. Doch die Meinung der Fachärzte darüber ist nicht einhellig. Das zeigt sich auch im Vorfeld ihrer Fachtagung. mehr »

Patienten vertrauen auf Online-Bewertungen

In welche Praxis soll ich gehen? Ihre Entscheidung fällen Patienten zunehmend anhand von Online-Bewertungen – eine Chance für Ärzte, so eine neue Studie. mehr »