Ärzte Zeitung online, 29.01.2009

Erasmus-Studium in der Krise - Studenten fehlen Zeit und Geld

BRÜSSEL (dpa). Das europäische Bildungsprogramm Erasmus steckt nach einer 20-jährigen Erfolgsgeschichte in der Krise. Die Begeisterung für den akademischen Auslandsaufenthalt - Partys, Flirts und Abenteuer inklusive - hat zuletzt in vielen Ländern nachgelassen.

Die Zahl deutscher Erasmus-Studenten stagnierte. In Finnland, Spanien oder Griechenland entschieden sich weniger junge Akademiker als zuvor für den Besuch einer Partneruniversität im Ausland. Dafür gibt es viele Gründe, besonders oft fehlen den Studenten aber Zeit und Geld.

Wirtschaftsstudentin Rebekka Manos aus Hannover besucht seit fünf Monaten die Freie Universität Brüssel. "Ich wollte damit meine Sprachkenntnisse verbessern", sagt die 25-Jährige. Erasmus habe sich angeboten, weil es unbürokratisch sei, keine Sprachtests erfordere und weil sie so keine Studiengebühren in Brüssel zahlen bräuchte.

Trotzdem ist das Geld knapp, 160 Euro erhält Manos monatlich. "Das ist ein nettes Zubrot, aber nicht genug, um die Lebenshaltungskosten zu decken." Ohne eigene Ersparnisse wäre das nicht möglich. Dabei wurde die finanzielle Unterstützung der Erasmus-Studenten zuletzt deutlich erhöht. Nach einem Anstieg um mehr als die Hälfte in vier Jahren liegt das Stipendium im Schnitt bei 192 Euro pro Monat, wie die Europäische Kommission errechnete.

Aus dem EU-Programm für lebenslanges Lernen erhält Erasmus jedes Jahr 450 Millionen Euro. Über die Höhe der Stipendien wird jedoch nicht in Brüssel entschieden, sondern in Agenturen der 31 Erasmus- Länder (die 27 EU-Mitglieder plus Norwegen, Island, Liechtenstein und die Türkei).

Die EU-Abgeordnete Helga Trüpel (Grüne) fordert mehr finanzielle Unterstützung der Mitgliedsländer: "Das funktioniert nicht, wenn man nur sagt: "Das machen die schon in Brüssel." Ziel müsse sein, dass jeder Student die Möglichkeit hat, im Ausland zu studieren. Rebekka Manos hofft auf das sogenannte Auslands-BAföG. Ob sie die staatliche Förderung in Höhe von monatlich mehreren hundert Euro bekommt, weiß sie jedoch kurz vor Semesterende noch immer nicht.

Die Polin Evelina Michta erhält eine Erasmus-Förderung von 250 Euro im Monat. Das reicht immerhin für die Miete in Brüssel. "Ich komme ganz gut klar und kann sogar etwas rumreisen", sagt die Studentin der Biotechnologie aus Danzig. Die 22-Jährige ist begeistert vom Leben im Ausland, dennoch würde sie nicht noch einmal mit Erasmus studieren. "Ich weiß nicht, ob ich etwas gelernt habe, was ich nicht auch in Polen gelernt hätte." Sie habe Angst, dass sie Studienzeit vergeudet habe.

So wird das neue Lernsystem mit Bachelor- und Master-Abschlüssen für Erasmus zum Bumerang. Erst hatten die ausländischen Studenten den Grund für diese europaweite Reform geliefert, nun lassen sich viele Studenten vom engen Zeitrahmen ihres neuen Studienplans verunsichern. Das Erasmus-Semester bleibt dabei auf der Strecke. "Die Leute haben weniger Mut, ein solches Abenteuer anzugehen", sagt der für Bildung zuständige Kommissionssprecher John MacDonald.

Die aktuelle Statistik zählte 160 000 Erasmus-Studenten im Studienjahr 2006/07, dabei hätten bis zu 200 000 ein Stipendium bekommen können. "Wir haben eine Verlangsamung des Wachstums beobachtet", gibt MacDonald zu. Seit 2001 stieg die Zahl Jahr für Jahr um rund 10 000 an, doch zuletzt waren es gerade mal 5000 mehr als zuvor. Dass es überhaupt noch ein Wachstum von drei Prozent gab, lag vor allem an den Ländern in Mittel- und Osteuropa.

In den jungen EU-Mitgliedsländern stieg die Zahl der Erasmus-Studenten häufig um mehr als zehn Prozent. Die Kommission führt das zwar auf ihren Rückstand gegenüber anderen Ländern zurück. Dennoch soll nun geprüft werden, ob alle anderen Hochschulen auch genug für das Programm werben, denn dazu sind sie nach der Charta der teilnehmenden Institutionen verpflichtet. Sollte das nicht der Fall sein, könnten manche auch ausgeschlossen werden. Derzeit machen fast 90 Prozent aller Universitäten in Europa bei Erasmus mit.

Seit 1987 nahmen fast zwei Millionen Menschen am Erasmus-Programm teil. Trotz der Krise hofft die Kommission auf drei Millionen bis 2012. In der französischen Zeitung "La Croix" bezweifelte der Bildungsexperte Philippe Perchoc jedoch die Zukunftstauglichkeit von Erasmus. Er forderte, dass mehr Lehrer im Ausland unterrichten und so die Schüler für das Auslandsstudium begeistern. Das Programm solle Humboldt heißen - benannt nach den beiden deutschen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts. Damals sahen Schüler jedoch ihren Lehrer noch oft als ihr Vorbild an, das ist heute eher die Ausnahme.

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