Ärzte Zeitung online, 04.02.2009

Jung: Wachsende Zahl traumatisierter Soldaten gibt Anlass zum Handeln

LEIPZIG (dpa). Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) beobachtet die wachsende Zahl schwer traumatisierter Afghanistan-Heimkehrer mit Sorge. "Ich nehme die Entwicklung sehr ernst", sagte der Minister am Dienstag bei einem Besuch der 13. Panzergrenadierdivison in Leipzig.

Jung appellierte an betroffene Soldaten, möglichst schnell einen Arzt aufzusuchen, wenn sie Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung fühlen. "Je früher dieses Rückkehrer-Trauma behandelt wird, desto besser ist es." Der Minister kündigte an, "in der Perspektive ein Kompetenz- und Forschungszentrum" dazu einrichten zu wollen.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, warf der Bundeswehr Versäumnisse bei Erkennung und Behandlung traumatisierter Soldaten vor. "Das hängt damit zusammen, dass wir in unserer Sanitätsstruktur in der Vergangenheit auch nicht unbedingt das Interesse hatten, was ich schon seit Jahren einfordere", sagte Robbe im Bayerischen Rundfunk. Die Politik müsse "eine vernünftige Prophylaxe auf die Beine stellen".

Laut Jung leiden "knapp über zwei Prozent" der Afghanistan-Heimkehrer unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Das sei deutlich mehr als der Gesamtdurchschnitt aller Soldaten im Einsatz. "Im Vergleich zu anderen Nationen stellt es sich immer noch ganz vernünftig dar", sagte Jung. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" wurde 2008 bei 226 in Afghanistan eingesetzten Soldaten eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, 2006 waren es dagegen nur 55. Experten vermuten zudem eine hohe Dunkelziffer. "Ich glaube, dass es wichtig ist, eine Entstigmatisierung zu betreiben", sagte Jung.

"Ich will unterstreichen, dass wir im Rahmen der Einsatzvorbereitung auch psychologische Hilfe mit in die Ausbildung einbeziehen", betonte Jung. Wie genau das "Kompetenz- und Forschungszentrum" des Militärs aussehen soll, sagte der Minister nicht. Die Diskussion dazu laufe.

Der Unions-Verteidigungsexperte Bernd Siebert (CDU) verwies auf eine Initiative der großen Koalition, mit der die Behandlung und Betreuung traumatisierter Soldaten verbessert werden soll. Ein entsprechender Antrag war im Januar in den Bundestagsausschüssen beschlossen worden. Damit versuche die Koalition, "auch im Versorgungsbereich mit den neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen Schritt zu halten", sagte Siebert.

Die Linksfraktion forderte, die Behandlung traumatisierter Soldaten müsse einer wirklichen Therapie dienen und nicht nur der Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit. Die Regierung habe diesen Notstand jahrelang ignoriert, sagte die Abgeordnete Inge Höger. Sie bekräftigte die Forderung nach dem Ende der Auslandseinsätze.

Lesen Sie dazu auch:
Soldaten häufiger psychisch krank

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »