Ärzte Zeitung online, 16.02.2009

Von der Leyen: "Familienpolitik ist keine Schönwetterpolitik"

BERLIN (dpa). Als 1929 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Börse die größte Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts ausgelöst wurde, stürzten auch die Geburtenzahlen in den Industrienationen ins Bodenlose. "Die schwierigen Jahre danach bedeuteten weltweit das Ende der Vielkindfamilie", sagt der Berliner Familienforscher Hans Bertram.

Und auch in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der DDR reagierten junge Familien mit Zurückhaltung auf die unsicheren Zeiten: Es wurden nur noch halb so viele Kinder geboren wie zuvor. Die Geburtenrate pro Frau sank im Osten von 1,5 auf 0,7.

Und wie reagieren junge Menschen heute in Zeiten der neuen Krise und weltweitem Konjunktureinbruch? "Eine Geburtenprognose für die nächsten Jahre ist nicht einfach", sagt Bertram. Doch der Wissenschaftler verweist auf jüngste schwedische Studien, wonach Familien bei Kinderwünschen auf Leistungskürzungen des Staates viel sensibler reagieren als auf die allgemeine Wirtschaftslage. "Bei Entscheidungsprozessen für oder gegen ein Kind geht es oft um Dinge, die die unmittelbaren Lebensinteressen der Eltern tangieren."

Stolz verweist Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei der Präsentation ihres Familienreports darauf, dass nach Jahren des rapiden Rückganges nun auch in Deutschland die Geburtenzahlen wieder steigen. 2007 - im Jahr der Einführung des neuen Elterngeldes - waren es 12 000 Geburten mehr als im Jahr davor. 2008 kletterte die Zahl um weitere 5000 auf 690 000. Doch für viele Experten wirkt der Anstieg noch wie ein empfindliches Pflänzchen. Zum Vergleich: Selbst im schwierigen ersten Nachkriegsjahr 1946 wurden in Deutschland 922 000 Geburten registriert.

"Familienpolitik wirkt sich erst langfristig aus", sagt Bertram, der auch schon von der Leyens Amtsvorgängerin Renate Schmidt (SPD) als Wissenschaftler beraten hat. Bertram verweist auf den Ausbau von Kleinkinderbetreuung und Ganztagsschulen, die verbesserte finanzielle Förderung von Eltern, Initiativen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und nicht zuletzt den generellen Klimawandel hin zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft - wenn auch vieles im Detail noch zu verbessern wäre.

Skandinavische Länder wie Schweden oder Norwegen hatten schon Anfang der 70er Jahre auf den damals in ganz Mitteleuropa absehbaren Rückgang der Geburtenzahlen reagiert. Dort kommen heute auf eine Frau 1,8 Geburten. In Deutschland stieg die Geburtenrate jetzt von 1,33 (2004) auf 1,37 (2007) - nach einhelliger Auffassung der Wissenschaftler immer noch viel zu wenig, um bei immer längerer Lebenserwartung Fachkräftenachwuchs und Renten zu sichern. Das europäische "Familienmusterland" Frankreich glänzt heute mit 1,9 Geburten pro Frau. Dort hatte François Mitterrand schon 1981 gleich mit Übernahme der Präsidentschaft einen radikalen Kurswechsel in der Familienpolitik eingeleitet.

Nicht ohne Hintersinn unterfütterte von der Leyen die Vorstellung ihres Familienreports mit zahlreichen Daten und Prognosen über den volkswirtschaftlichen Nutzen einer expandierenden Familienpolitik. Durch den Ausbau familienunterstützender Dienstleistungen würden mehrere hunderttausend Arbeitsplätze geschaffen, rechnet die Ministerin vor. In Zeiten von Fachkräftemangel würden allein durch die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf fiskalische Effekte von bis zu 70 Milliarden Euro realisiert. Ihr Fazit: "Familienfreundlichkeit ist ein Wachstumstreiber."

Dahinter stehen Befürchtungen vieler Familienpolitiker in Union wie SPD, dass bei sinkenden Steuereinnahmen und wachsenden Staatsschulden der auch in Deutschland eingeleitete Kurswechsel jäh wieder abgebremst wird. Ähnliche Sorgen treiben auch viele Bildungspolitiker um. Doch einen Rückfall in eine Zeit, als Familien- wie Bildungspolitik noch als "Gedöns" abgetan wurden, will sich von der Leyen nicht vorstellen. "Wir müssen jetzt weiter Kurs halten. Familienpolitik ist keine Schönwetterpolitik."

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