Ärzte Zeitung online, 04.03.2009

Deutschland gehen die Akademiker aus

BERLIN (dpa). Deutschland muss aus Sicht einer Expertenkommission der Bundesregierung deutlich mehr in Bildung, Forschung und Innovationen investieren, wenn es gestärkt aus der Wirtschaftskrise hervorgehen soll. Um den wachsenden Akademikerbedarf zu decken, müsse auch das Bildungssystem konsequenter umgebaut werden.

Die im zweiten Konjunkturprogramm für Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Weiterbildung und Forschung vorgesehenen 8,7 Milliarden Euro bezeichnet die Kommission als "als ersten Schritt - angesichts eines geschätzten Sanierungsbedarfs von 100 Milliarden Euro".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm am Mittwoch in Berlin das zweite Gutachten der Wissenschaftler um den Münchner Ökonomen Dietmar Harhoff über die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands entgegen. Die unabhängige Kommission war im Frühjahr 2007 von der Regierung eingesetzt worden.

Um Innovationen voranzutreiben, brauche Deutschland vor allem mehr gut ausgebildete Menschen, unterstrichen Harhoff und die Arbeitsmarktforscherin Jutta Allmendinger. Mehr als jeder dritte junge Mensch sollte künftig in Deutschland ein Studium erfolgreich abschließen und mindestens jeder zweite Abitur machen. Derzeit schaffen erst 22 Prozent eines Jahrganges einen akademischen Abschluss. Zugleich müssten die Abbruchquoten im Studium weiter verringert werden.

Bereits heute sei es ein "ehrgeiziges Ziel", die demnächst aus Altersgründen ausscheidenden Akademiker ersetzen zu wollen. Engpässe dürften dabei nicht nur in den Natur- und Ingenieurwissenschaften auftreten, sondern auch bei den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Gutachter verweisen auf Prognosen, wonach durch höhere Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt bis 2020 weit mehr als eine Million Akademiker zusätzlich benötigt würden.

Auch müsse Deutschland noch mehr Spitzenkräfte international anwerben und versuchen, seine eigenen Talente zu halten oder aus dem Ausland zurückzugewinnen. Nach dem Studium kehrten zu viele Akademiker Deutschland den Rücken. Im weltweiten Vergleich der Industrienationen ist laut der Übersicht die Zahl hoch qualifizierter Auswanderer aus Deutschland mit am höchsten, die Zahl hoch qualifizierter Einwanderer dagegen mit am niedrigsten. In der EU hat nur Großbritannien per saldo eine noch ungünstigere Wanderungsbilanz als Deutschland.

Trotz Verbesserungen seien die Zugangshürden zum deutschen Arbeitsmarkt für Spitzenkräfte aus Nicht-EU-Staaten immer noch zu hoch, wird in dem Gutachten kritisiert. Um deutschen Wissenschaftlern das Wechseln zwischen Hochschule und Wirtschaft - und auch den Weg wieder zurück - zu erleichtern, sollten sie grundsätzlich nicht mehr verbeamtet werden.

In der Forschung müsse Deutschland weiter auf Spitzentechnik setzen, empfehlen die Gutachter. Dazu zählten sie unter anderem die Biotechnologie, Nanotechnik, Medizintechnik und auch die Pharmazeutik.

Wie bereits in ihrem ersten Gutachten plädieren die Forscher erneut für Steuererleichterungen bei forschenden Unternehmen. "Das deutsche Steuersystem ist innovationsfeindlich", sagte Harhoff. Auch sei die Eigenkapitalausstattung kleiner und mittlerer Unternehmen nach wie vor unzureichend entwickelt.

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