Ärzte Zeitung online, 13.03.2009

"Amokläufer können im Vorfeld erkannt werden"

DARMSTADT (eb). Bereits einen Tag nach dem Amoklauf von Winnenden läuft die Aufarbeitung auf Hochtouren. Zahlreiche Experten melden sich zu Wort und rätseln, wie solche Taten künftig vermieden werden können. Der Darmstädter Kriminalpsychologe Dr. Jens Hoffmann meint, dass das möglich ist. Denn nach seinen Angaben ließen sich Täter durch deutliche Risikomerkmale bereits im Vorfeld identifizieren.

Als Indikatoren könne man etwa Suizid-Äußerungen oder "Todeslisten" ausmachen, erläutert Hoffmann. Ein weiteres Indiz sei die Ankündigung, eine Waffe mit in die Schule zu bringen. Außerdem würden nahezu alle Jugendlichen über ihre Racheabsicht sprechen oder sogar bekannt geben, einen Amoklauf begehen zu wollen.

Bei allen Tätern stellte Hoffmann Kränkungen, soziale Brüche oder Verlusterfahrungen fest. Zudem waren in allen Fällen schulische Konflikte erkennbar. Etwas mehr als die Hälfte der jugendlichen Täter wurde von ihrem Umfeld als Einzelgänger wahrgenommen. Im Vorfeld der Tat isolierten sich die Täter zunehmend. Nur etwas mehr als ein Viertel der Jugendlichen war vorher polizeilich auffällig gewesen.

Hoffmanns Untersuchungen zufolge zeigten alle Täter Interesse an gewalthaltigen Mediendarstellungen. Bei vier von ihnen konnte sogar ein mediales Vorbild für ihre Tat bestimmt werden, entweder eine Filmfigur oder ein realer Amokläufer. Bei vier der Täter fand Hoffmann ein übermäßig starkes Interesse an Videospielen.

Die Studie wurde von Dr. Jens Hoffmann und Karoline Roshdi von der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der TU Darmstadt in Zusammenarbeit mit Dr. Frank Ropertz vom Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie Berlin durchgeführt. Veröffentlicht wird sie in der Aprilausgabe der Zeitschrift "Kriminalistik". Für ihre Untersuchung werteten die Psychologen polizeiliche Ermittlungsakten und Gerichtsurteile von allen sieben bekannten Amoktaten in Deutschland der Jahre 1999 bis 2006 aus.

Bei vier der Fälle war kurz vor der Tat eine ähnliche Gewalttat in den Medien publiziert worden. "Es ist deshalb davon auszugehen, dass nach Amokläufen wie in Winnenden ein erhöhtes Risiko für weitere Taten dieser Art besteht", so Jens Hoffmann.

Hoffmanns Botschaft ist klar: Zielgerichtete Gewalttaten und Amokläufe an Schulen könnten sich bereits im Vorfeld erkennen lassen. "Diese schrecklichen Taten junger Menschen stellen den Endpunkt eines Weges zur Gewalt dar, der immer von Warnsignalen begleitet ist und dessen einzelne Schritte in sich logisch sind", erläutert Jens Hoffmann. "Zielgerichtete Gewalttaten und Amokläufe sind aus Sicht des Täters ein letzter Ausweg aus einer Krise, für die er keine anderen Lösungsmöglichkeiten mehr hat."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »