Ärzte Zeitung online, 03.04.2009

"Abwrack-Wahn" bald vor dem Ende?

BERLIN (dpa). Der Boom der Abwrackprämie wird nach dem Wonnemonat Mai wohl erst einmal vorbei sein. Denn danach soll es deutlich weniger als 2500 Euro für Verschrottung und Neuwagenkauf geben. Der seit Wochen in Deutschland andauernde "Abwrack-Wahn" könnte dann abflauen, je nachdem, was das Kabinett nächste Woche beschließt.

Die Regierung spricht von einem "absoluten Renner". Die kriselnde deutsche Autoindustrie und Händler kommen derzeit kaum nach mit Bestellungen. Deshalb soll die von allen Steuerzahlern finanzierte Subvention bis Jahresende gezahlt werden - länger als geplant.

Selbst eine Panne bei der Umstellung auf die zwingende Online- Reservierung konnte die Flut nicht bremsen. Bisher gingen mehr als 1,1 Millionen Anträge ein. Das im Minutentakt von Interessenten und Verkäufern angesteuerte Bundesamt für Wirtschaft hält allerdings Doppelanträge von Autohäusern und Käufern für möglich.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) vereinbarten: Die Abwrackprämie muss in die Verlängerung! Wer allerdings gehofft hatte, dieses Wahlgeschenk kommt ganz ohne Einschnitte, wird enttäuscht. Vor allem die Herren über die Staatskassen treten auf die Bremse. Denn der Ansturm könnte weitere Milliarden kosten, die gar nicht vorhanden sind.

"Machen wir uns nichts vor: Wir werden im Mai erhebliche Einbrüche bei den Steuereinnahmen haben - und das ist freundlich ausgedrückt", sagte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in einem Interview. "Es wird lange Zeit fast nichts zusätzlich zu verteilen geben." Die Haushälter der Koalition laufen Sturm. Sie sind auch alles andere als glücklich, dass sie die Pläne wohl nur noch abwinken werden. Bis zu drei Milliarden Euro an neuen Schulden sind nun im Gespräch.

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) betonte noch am Montag: "Eine Aufstockung ist immer dann eine gute Idee, wenn das gleichzeitig seriös durchfinanziert werden kann." Und da sehe er noch offene Fragen. Hinter den Kulissen gibt es trotz der Einigung der politischen Spitzen noch Streit über das "Fein-Tuning" der künftigen Prämie. Die einen wollen die Subvention möglichst lange unverändert zahlen, andere treten für eine schnelle und starke Kürzung ein. Wieder andere wollen den Staatszuschuss nur um 500 Euro kürzen.

Nicht nur Opel sieht etwas Licht am Ende des Tunnels. So viele Autos wie nie seit dem Erfolgsjahr 1992 nach der Wiedervereinigung wurden im März in Deutschland insgesamt neu zugelassen. Vor allem Kleinwagenhersteller jubeln. Ganz anders ist die Stimmung im Einzelhandel und bei Herstellern anderer größerer Konsumgüter. Denn denen fehlen die Käufer - ein Euro kann schließlich nur einmal ausgegeben werden. Sie können aber auf keine Staatshilfe hoffen.

In der Unions-Fraktion gibt es bereits die Befürchtung, dass auch Hersteller größerer Autos und andere Branchen Hilfen beanspruchen könnten. Daimler verschärft wegen der dramatischen Absatzeinbußen bereits sein Sparprogramm. Kritiker fahren noch ein anderes Argument auf: Der Auto-Boom werde nach der Prämie erst einmal vorbei sein.

Marketingexperten haben ein neues Lieblingswort: Abwrackprämie

Früher lauteten erfolgreiche Werbeslogans "Geiz ist geil" oder "Den Rest können Sie sich sparen". Jetzt haben die Marketingexperten ein neues Lieblingswort entdeckt: Abwrackprämie. Es gibt sie längst nicht mehr nur für das Verschrotten des alten Autos und den Kauf eines neuen. Auch bei Möbeln, Kleidung, Kosmetik oder Elektronik wird jetzt kräftig abgewrackt. Sprachwissenschaftler rechnen gar damit, dass es die Abwrackprämie zum "Wort des Jahres" bringen könnte. Doch eigentlich ist es nur ein Werbe-Gag.

Wer beim Kauf eines neuen Anzugs seinen alten mitbringt, bekommt von einem Berliner Herrenausstatter großzügige Rabatte. Ein großer Elektronikhersteller bietet 400 Euro Prämie, wenn man seinen alten Projektor einschickt. Eine Schuhreparatur-Firma tauscht an 1000 Sammelstellen getragene Schuhe und Textilien gegen Einkaufsgutscheine ein. Ein anderer Händler bietet 15 Euro Abwrackprämie auf Schulranzen. "So kann das Modell des Vorjahrs mit langweiligem Blümchenmuster zu günstigem Preis gegen einen top-aktuellen Ranzen ausgetauscht werden", wirbt das Geschäft.

Sogar Fußball-Fans können sich dem Abwrack-Wahn nicht entziehen. Beim UEFA-Cup-Spiel zwischen Werder Bremen und dem AS St. Etienne Mitte März versprach ein Unternehmen aus Bremen auf der Bandenwerbung des Weser-Stadions eine Abwrackprämie für Gabelstapler - wie bei Autos in Höhe von 2500 Euro.

"Dass die Händler solche Offensiven machen, ist nicht verwunderlich", sagt Ulrich Kamecke, Professor für Wettbewerbspolitik an der Berliner Humboldt-Universität. Wie sie genannt werden, sei oft Zufall, abhängig von Moden. Das Wort "Abwrackprämie" habe aber bei den Kunden ein positives Image.

"Das Wort wird mittlerweile inflationär gebraucht", stellt Michael Kleinaltenkamp, Marketing-Experte an der FU Berlin, fest. "Jetzt ist das hip, weil jeder etwas damit verbindet, aber im Sommer redet davon keiner mehr." Als Grund für die Begeisterung über das Wort nennt Kleinaltenkamp den Erfolg der Idee. "Mit einem kleinen Betrag bringt man die Leute dazu, einen wesentlich größeren Betrag auszugeben." Das Wort errege Aufmerksamkeit, die Voraussetzung für wirksame Werbung. Letztlich seien alle Abwrack-Aktionen jedoch nur eine Form des Rabattes.

Die Abwrackprämie hat beste Chancen, "Wort des Jahres" zu werden

Für den Frankfurter Sprachwissenschaftler und Erfinder des "Unwort des Jahres", Horst Dieter Schlosser, steht bereits fest: Die Abwrackprämie hat beste Chancen, zum "Wort des Jahres" zu werden. "Es ist klar und knapp und beschreibt genau das, was Sache ist: die Belohnung für das Abwracken eines alten Autos." Der Ansturm auf die Prämie ist gewaltig: Bislang gingen schon mehr als eine Million Anträge beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) ein. Bei diesem Erfolg ist es kein Wunder, dass auch viele andere Branchen gerne in den Genuss einer staatlichen Förderung kommen würden.

So fordert das Handwerk eine Umweltprämie für Nutzfahrzeuge, der Städte- und Gemeindebund für alte Schulmöbel. Die Heizungshersteller wollen das Abwracken auch für alte Wärmespender, die Holzwirtschaft in Baden-Württemberg für alte Ölheizkessel. Die IG Metall forderte Geld für energiesparende Kühlschränke. Und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) bekam Ärger mit der Bafa, als er im Internet dazu aufrief, auch für alte Fahrräder Anträge auf Abwrackprämie zu stellen.

Viele Politiker sehen die Abwrackprämie für Autos und das im Grundsatz beschlossene Aufstocken der Förderung über die vorgesehen 1,5 Milliarden Euro hinaus inzwischen kritisch. "Auch "Schiesser" ist in großen Schwierigkeiten", gab dieser Tage der stellvertretende FDP- Vorsitzende Rainer Brüderle zu bedenken. "Sollen wir noch eine Abwrackprämie für Unterwäsche einführen?" Tatsächlich gibt es sie schon - in Potsdam. Dort wirbt ein Wäschegeschäft mit einer Abwrackprämie für Büstenhalter: "Beim Kauf eines neuen BH erhalten Sie das Unterteil gratis."

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