Ärzte Zeitung, 29.04.2009

Biotechnik-Branche ruft Politiker zu Hilfe

Die medizinische Biotechnik wächst. Mitte 2010 könnte sich das Blatt wenden. Dann, so Insider, bekämen die meist jungen Unternehmen Probleme, an Kapital zu kommen. Nun soll der Staat mit Steuergutschriften nachhelfen.

Von Thomas Hommel

Die Biotechnik trotzt der Krise: Damit das so bleibt, soll der Staat die Forschung steuerlich fördern.

Die Biotechnik trotzt der Krise: Damit das so bleibt, soll der Staat die Forschung steuerlich fördern.

Foto: Merck/VfA

BERLIN. "In der Wirtschaftskrise zeigt sich die medizinische Biotechnologie bislang resistent", erklärte Dr. Frank Mathias, Vorstandsmitglied der MediGene AG und Vorsitzender des Verbandes forschender Biotech-Unternehmen VfA bio, anlässlich der Vorstellung des von der Boston Consulting Group erstellten Branchenreports in Berlin.

Vergangenes Jahr seien die Umsätze mit Biopharmazeutika in Deutschland mit neun Prozent doppelt so stark gewachsen wie der Gesamtpharmamarkt, rechnete Mathias vor. Etwa jeder sechste Euro im Arzneimittelmarkt sei mit Biopharmazeutika erwirtschaftet worden. Mit einem Jahresumsatz von 4,4 Milliarden Euro und rund 34 000 Mitarbeitern leiste die medizinische Biotechnik einen "wichtigen Beitrag zum Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland", unterstrich der Experte. Je länger die ökonomische Krise aber dauere, desto größer würden auch die "Finanzlücken" bei den Biotech-Unternehmen, warnte Mathias. Spätestens Mitte 2010 bekämen viele der Biotech-Firmen Schwierigkeiten, an frisches Kapital für die Umsetzung ihrer Ideen zu kommen.

Die Branche der Biotechnik gilt unter Experten wegen der relativ langen Entwicklungszeiten ihrer Produkte als risikoreich und kapitalabhängig. Eine Forschungsförderung in Form staatlicher Steuergutschriften sei daher für die kleinen, oftmals jungen Unternehmen am Biotech-Markt sehr wichtig, so Mathias. Er rief die Bundesregierung auf, dem Beispiel Frankreichs und Großbritanniens zu folgen. Dort werde Forschung im Bereich Biotechnik steuerlich gefördert.

Als Wachstumstreiber bei den Biopharmazeutika in Deutschland haben sich nach Angaben von VfA bio vor allem Medikamente gegen ZNS-Krankheiten wie Multiple Sklerose (plus 25 Prozent), Krebs (plus 20 Prozent) sowie immunologische Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis (plus 17 Prozent) hervorgetan. Die Zahl der Medikamente, die sich momentan in der klinischen Erprobung - der "Pipeline" - befinden, ist laut Branchenreport um 18 Prozent auf insgesamt 419 Präparate gestiegen. "Während 2007 besonders viele Präparate nach guten Phase-II-Resultaten in die dritte und letzte Erprobungsphase bei der Zulassung eintraten, sehen wir 2008, dass die Pipeline von unten aufgefüllt wird", erläuterte Mathias. So sei die Zahl von Medikamenten in der ersten klinischen Phase um 28 Prozent, die in Phase II um 22 Prozent gewachsen.

Viele Biotech-Firmen würden derzeit in die Entwicklung von Biosimilars - biotechnisch hergestellte Generika - investieren. Allerdings seien nur wenige Firmen in der Lage, hochwertige Biosimilars auf den Markt zu bringen. Welchen Einfluss diese Präparate künftig haben, sei schwer abzuschätzen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte kürzlich eine Grundsatzentscheidung zur Einordnung der Arznei-Gruppe der Biosimilars in den Festbetragsmarkt getroffen (wir berichteten).

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