Ärzte Zeitung, 12.05.2009

Netz soll Patienten mit Immundefekten helfen

Mit der Bildung von Netzen wollen Ärzte die Versorgung von Patienten mit Immundefekten verbessern. "Es sollen alle Institutionen und Personen einbezogen werden, die potenziell Kontakt mit den Patienten haben", sagte Professor Volker Wahn.

Von Ilse Schlingensiepen

Netz soll Patienten mit Immundefekten helfen

Das Ziel: Fachmann an jeder Schaltstelle.

Foto: LeventeJanos©www.fotolia.de

KÖLN. Haus- und Kinderärzte, Internisten, Labor- und HNO-Ärzte sollen gezielt für das Thema sensibilisiert und motiviert werden, mit den auf die Behandlung von Patienten mit Immundefekten spezialisierten Zentren zusammenzuarbeiten. Dies war der Tenor bei einer Veranstaltung der Nordrheinischen Akademie für ärztliche Fortbildung und Weiterbildung anlässlich des Welttags der Immunologie in Köln.

Volker Wahn ist Leiter der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie der Charité in Berlin. Gemeinsam mit Professor Tim Niehues vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Helios-Klinikum Krefeld hat er die Netzwerkinitiative "Find-ID" auf den Weg gebracht.

Es müsse erreicht werden, dass die Niedergelassenen Patienten mit schweren Infekten frühzeitig erkennen und abklären lassen, ob sie unter einem Immundefekt leiden, sagte Wahn. Eine frühe Diagnose ermögliche es, die Therapie früher zu beginnen, als es bisher häufig der Fall sei. In Deutschland brauche man mehr Ausbildungsstellen für Primäre Immundefekte, die klinische Ausbildung müsse besser, die Labormediziner müssten einbezogen werden, forderte er.

Niedergelassene sind nötig, um die Diagnoserate zu erhöhen.

Nach Daten aus den USA liegt die Prävalenz bei Immundefekten bei 1 : 2000. Nach Schätzung leiden in Deutschland rund 100 000 Patienten an einem angeborenen Immundefekt, aber nur bei 2000 wurde er bisher diagnostiziert. Gerade bei der Versorgung von Erwachsenen gebe es noch Defizite, sagte Niehues. Das soll die Initiative "Find-ID" ändern.

"Wir wollen pilotmäßig an einem Ort durchspielen, ob es uns gelingt, die Patienten besser herauszufinden." Das Thema Immundefekte müsse auch in den Fachgesellschaften stärker in den Vordergrund rücken, sagte Niehues. Es gebe zwar bereits viele Kollegen, die in dem Bereich tätig sind. "Aber wir haben noch große Lücken", sagte er.

"Wir brauchen die niedergelassenen Ärzte, um die Diagnoserate zu erhöhen", sagte Gabriele Gründl, Vorsitzende der Deutschen Selbsthilfe Angeborene Immundefekte. Bewährt hat sich ihrer Erfahrung nach die Zusammenarbeit der Niedergelassenen vor Ort mit den Immundefekt-Ambulanzen. Wenn die Diagnose von Niedergelassenen gestellt werde, machten die Krankenkassen häufig Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme für die teure Therapie mit Immunglobulinen, berichtete Gründl. "Wird die Diagnose durch ein Zentrum bestätigt, gibt es keine Probleme mehr."

Bei Patienten mit seltenen, aber in der Behandlung teuren Erkrankungen könnten niedergelassene Ärzte schnell an Grenzen stoßen und Gefahr laufen, in die Richtgrößenprüfung zu kommen, sagte Dr. Markus Lüngen, Kommissarischer Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Uniklinik Köln. "Der Arzt muss entscheiden, ob er behandeln kann und behandeln will."

Wird die Behandlung von Patienten mit solchen Erkrankungen an Zentren gebündelt, lässt sich das in der Vergütung besser abbilden, sagte Lüngen. Gleichzeitig seien die Zentren von der Ausstattung und der Organisation her oft besser in der Lage, die Patienten zu versorgen.

Regressgefahr? Dokumentation ist das A und O!

Die Sorge vieler niedergelassener Ärzte, dass sie bei der Behandlung von Patienten mit seltenen, teuren Erkrankungen automatisch in einen Regress laufen, sei oft unbegründet, sagte Dr. Stephan Kaiser von der Prüfungsstelle Wirtschaftlichkeitsprüfung Sachsen-Anhalt.

Die Ärzte müssten aber die Unterschiede zum Durchschnitt ihrer Fachgruppe genau darlegen. "Bei der Darlegung von Praxisbesonderheiten ist die Dokumentation das A und O", sagte Kaiser. Die Begründung "ich habe viele multimorbide Patienten" reiche nicht aus, sondern der Arzt müsse genau sagen, um wie viele Patienten mit welchen Diagnosen es geht. Benötigen Patienten mit Immundefekten Immunglobuline, ist das nach seiner Information in keiner KV ein Problem. Allerdings müsse der Arzt nachweisen, dass er die Diagnose korrekt gestellt habe.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »