Ärzte Zeitung online, 12.05.2009

Experte: Dramatische Lage für Querschnittgelähmte

HALLE (dpa). Experten befürchten angesichts der Sparpolitik im Gesundheitswesen dramatische Folgen für die Betreuung von Querschnittgelähmten. "Es besteht die ganz große Angst, dass diese Patienten unten durch fallen, weil nicht genug Geld da ist", sagte der Vorsitzende der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie, Dr. Klaus Röhl.

Grund sei die sogenannte Krankenhaus-Fallpauschale: Kliniken bekommen für Patienten einen pauschalen Betrag von den Krankenkassen, um so die Kosten nicht ausufern zu lassen.

"Das ist vom Prinzip her auch richtig. Die Kosten für eine Gallenoperation zum Beispiel kann man vorher abschätzen, auch wie lange ein Patient dafür in der Regel in der Klinik bleiben muss", sagte Röhl in einem dpa-Gespräch.

"Bei Querschnittgelähmten trifft das aber nicht zu, jeder einzelne Fall, jedes einzelne Schicksal, ist anders und kann nicht pauschal verglichen werden. Diese Patienten müssen zwischen 14 Tagen und drei oder vier Monaten im Krankenhaus rund um die Uhr behandelt werden, da ist die Pauschale ganz schnell aufgebraucht und das Krankenhaus macht Defizite", sagte er. "Da hat die Fallpauschale ganz große Lücken, das muss geändert werden."

In der Praxis sei es notgedrungen häufig so, dass Querschnittgelähmte nach einiger Zeit aus der Klinik entlassen und dann ambulant betreut werden. "Aber angesichts der komplexen und hoch spezialisierten Behandlungen, die bei diesen Patienten nötig sind, von der Orthopädie, Urologie, Physiotherapie, Ergotherapie bis zur psychischen Betreuung, ist das schlichtweg unmöglich. Das ist für die Betroffenen eine viel zu große Belastung", sagte Röhl. "Das geht schon damit los, dass viele niedergelassene Praxen für einen Rollstuhlfahrer gar nicht erreichbar sind. Das ist kein Vorwurf, das ist der Fakt", sagte er.

Röhl leitet in Halle das Zentrum für Rückenmarkverletzte und die Klinik für Orthopädie der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannstrost. Es ist eines der modernsten Zentren zur Behandlung von Querschnittgelähmten in Europa. In Halle treffen sich von Mittwoch bis Freitag (13. bis 16. Mai) Experten dieses Fachgebietes (Paraplegie), um neue Therapiemöglichkeiten zu beraten.

"Jedes Jahr müssen etwa 1500 Menschen in Deutschland lernen, ihr Leben mit einer Querschnittlähmung zu meistern, etwa die Hälfte davon können die Beine und Arme nicht mehr bewegen", sagte Röhl. Die Ursachen dafür seien meist Unfälle, etwa beim Motorradfahren oder beim leichtsinnigen Sprung in einen Baggersee. Angesichts der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung hätten Mediziner aber auch immer mehr mit Patienten zu tun, die durch Erkrankungen wie einen Tumor an der Wirbelsäule Lähmungen erleiden.

www.conventus.de/dmgp2009

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