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Ärzte Zeitung online, 12.05.2009

Mutmaßlicher Nazi-Helfer Demjanjuk kann vor Gericht gestellt werden

MÜNCHEN (dpa). Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende kann der mutmaßliche Nazi-Verbrecher John Demjanjuk in Deutschland vor Gericht gestellt werden. Der 89-Jährige traf am Dienstag nach seiner Abschiebung aus den USA in einer Sondermaschine in München ein und wurde im Krankenwagen in die Haftanstalt Stadelheim gebracht. Die Staatsanwaltschaft München will in wenigen Wochen Anklage wegen Beihilfe zum Mord in Zehntausenden Fällen erheben. Der Zentralrat der Juden forderte einen schnellen Prozessbeginn. Es dürfte einer der letzten großen NS-Prozesse werden.

Die Anklagebehörde wirft Demjanjuk vor, im Zweiten Weltkrieg als Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Juden geleistet zu haben. Der gebürtige Ukrainer soll geholfen haben, die Menschen in die Gaskammern zu treiben. In Stadelheim wurde Demjanjuk am Dienstagnachmittag der 21-seitige Haftbefehl eröffnet. In den nächsten Tagen soll er die Möglichkeit erhalten, sich zu äußern. Bisher hat Demjanjuk alle Vorwürfe bestritten.

Hauptbeweismittel der Ankläger ist ein SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393. Zudem geht aus einer Verlegungsliste von März 1943 hervor, dass Demjanjuk damals nach Sobibor verlegt wurde, wie der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler sagte. Sofern Demjanjuk nicht neue Beweismittel oder bislang unbekannte Tatsachen vorbringen könne, werde binnen weniger Wochen Anklage erhoben. "Wir gehen davon aus, dass es einen Prozess geben wird."

Parallel zur Ankunft Demjanjuks wurde in München ein wichtiger Zeuge vernommen. Der möglicherweise einzige noch lebende Augenzeuge aus dem Vernichtungslager Sobibor, der 82 Jahre alte Thomas Blatt, schilderte nach Angaben seines Anwalts Stefan Schünemann die Zustände in dem Lager. Blatt hatte dort als 15-Jähriger Eltern und Bruder verloren und will als Nebenkläger in einem möglichen Prozess gegen Demjanjuk auftreten.

Die weltweit größte NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg hatte die Ermittlungsvorarbeit geleistet und monatelang Beweise gesammelt, um sie der Staatsanwaltschaft München zu übergeben. Man sei sich sicher, dass die zusammengetragenen Beweise ausreichen, "um Herrn Demjanjuk vor Gericht zu bringen", sagte Behördenleiter Kurt Schrimm. Er rechnet damit, in den USA weitere NS-Verbrecher zu finden. "Wir sind nach wie vor dran, es könnte noch ein bis zwei Nazi-Fälle geben." Im Fall Demjanjuk ist die Münchner Justiz zuständig, weil er zuletzt im Raum München lebte, bevor er 1952 in die USA als ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener auswanderte.

In den vergangenen Wochen hatte sich Demjanjuk in den USA vor allem mit Hinweis auf seine schlechte Gesundheit gegen seine Abschiebung gewehrt und sogar den Obersten Gerichtshof in Washington eingeschaltet. Nachdem alle Einsprüche erfolglos waren, wurde er am Montag von Beamten der US-Einwanderungsbehörde in seinem Haus in Seven Hill abgeholt und in einem Krankenwagen nach Cleveland im US-Staat Ohio gebracht. Von dort aus startete die Chartermaschine mit der Kennnummer N250LB in Richtung München. Demjanjuk wurde auf dem Flug von einem Arzt begleitet.

Das Simon Wiesenthal Center und der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßten die Abschiebung. Die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, sagte: "Jetzt gilt es, alles juristisch Mögliche zu unternehmen, um Demjanjuk schnellstmöglich vor Gericht zu stellen." Es gehe um einen Wettlauf mit der Zeit. Rabbi Marvin Hier, Vorstand und Gründer des Simon Wiesenthal Centers, sagte laut Mitteilung: "Jetzt muss John Demjanjuk sich endlich der Justiz für die unaussprechlichen Verbrechen stellen, für die er während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich war - es wird wahrscheinlich der letzte Prozess gegen einen Nazi-Kriegsverbrecher sein."

Demjanjuk war schon 1986 von den USA an Israel ausgeliefert worden und dort 1988 zum Tode verurteilt worden. Das Sondergericht sprach Demjanjuk wegen der Beihilfe zum Mord an mehr als 800 000 Juden sowie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen das jüdische Volk schuldig. Er bestritt bis zuletzt, jemals KZ-Wächter gewesen zu sein und bezeichnete sich als Opfer einer Verwechslung. Nach der Verurteilung tauchten aber neue Beweise auf, die frühere Zweifel an der Identität zu bestätigen schienen, am 29. Juli 1993 hob das Oberste Gericht Israels das Todesurteil auf. Demjanjuk kehrte später in die USA zurück, wo er als Staatenloser bei seiner Familie in Seven Hills bei Cleveland lebte.

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