Ärzte Zeitung online, 15.05.2009

Streikwelle trifft hunderte Kitas in sieben Bundesländern

KÖLN/BERLIN (dpa). Zum Start der unbefristeten Streikwelle an Kindertagesstätten sind hunderte Einrichtungen lahmgelegt worden - das große Chaos blieb aber aus. Rund 11 000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter legten am Freitag in sieben Bundesländern die Arbeit nieder, teilten die Gewerkschaften ver.di und GEW in Berlin und Frankfurt mit.

Mit dem Streik wollten die Beschäftigten Forderungen nach Lärmschutz, Rückengerechtem Mobiliar und weniger Arbeitsdruck unterstreichen. Betroffen waren Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bremen, Schleswig-Holstein, dem Saarland und Baden-Württemberg. Zusammen mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will ver.di den Gesundheitsschutz tarifvertraglich regeln und dafür den Arbeitskampf noch ausweiten.

Zehntausende Eltern mussten am Freitag für ihre Kinder eine andere Unterbringung organisieren oder sie selbst betreuen - sie waren aber nach Gewerkschaftsangaben gut informiert und hatten sich frühzeitig um Alternativen bemüht. Not-Gruppen - wie in Mainz eingerichtet - waren schnell ausgebucht. Ver.di-Chef Frank Bsirske drohte mit einem langen Arbeitskampf und kündigte eine Ausweitung auch auf andere Bundesländer wie Bayern und Niedersachsen am Montag an. "Wir haben einen langen Atem", sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa.

"Die körperlichen und emotionalen Belastungen sind groß", betonte Bsirske. Vor allem die Lärmkonfrontation mit gemessenen Spitzenwerten von weit mehr als 100 Dezibel müsste alarmieren. "Das entspricht dem Wert eines startenden Düsenjets." Muskel- und Skeletterkrankungen seien weit verbreitet, weil die Erzieherinnen ständig Kinder hochheben müssten. Insgesamt besuchen in Deutschland rund 2,25 Millionen Kinder Tageseinrichtungen. Bundesweit gibt es knapp 50 000 Kitas, davon 17 000 in kommunaler Trägerschaft. Einrichtungen in privater Trägerschaft sind von der Streikwelle nicht betroffen.

Bei einer Veranstaltung in Köln mit 2000 Streikenden forderte der ver.di-Chef einen Gesundheitstarifvertrag für die bundesweit 220 000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter bei den Kommunen. Starke emotionale und körperliche Belastung, gestiegene Anforderungen und zu wenig Personal gehörten zum Alltag in den Kitas. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) äußerte Verständnis für die Anliegen: "Dieser Beruf muss besser in der Bewertung werden", sagte sie in Hannover. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir betonte, die Erzieherinnen machten zu Recht auf ihre "desolate Lage" aufmerksam. Nach Gewerkschaftsangaben können sich nur 26 Prozent der Erzieher und 58 Prozent der Sozialarbeiter vorstellen, bei den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen das Rentenalter gesund zu erreichen.

Allein in Nordrhein-Westfalen blieben laut ver.di in 26 Städten kommunale Kitas dicht, mehr als 4000 Erzieherinnen kamen nicht zur Arbeit. In Rheinland-Pfalz beteiligten sich 1000 Erzieherinnen am Streik, in Mainz waren alle Kitas dicht. An 60 Kitas in Bremen und Bremerhaven war zu lesen: "Diese Einrichtung wird bestreikt."

Auch in Hessen lief der Arbeitskampf laut ver.di planmäßig. Das Saarland beteiligte sich mit zehn Einrichtungen. In Schleswig-Holstein lag der Schwerpunkt in Kiel, 25 der 36 städtischen Kitas blieben geschlossen. "Wir haben eine höhere Streikbeteiligung, als wir ursprünglich gedacht haben", sagte ver.di-Sprecherin Martina Sönnichsen in Berlin.

Die Arbeitgeber kritisierten, es gehe den Gewerkschaften gar nicht um Gesundheitsschutz, sondern um mehr Geld. Dazu sagte Bsirske, er hoffe sowohl bei der Bezahlung als auch beim Gesundheitsschutz auf ein "baldiges Einvernehmen". Die GEW verlangte mit Blick auf die nächste Verhandlungsrunde am 27. Mai, die Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) solle ein verhandlungsfähiges Angebot auf den Tisch legen und die "Hinhaltetaktik" beenden.

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