Ärzte Zeitung, 19.05.2009

Armut: Deutschland ist "tief zerrissen"

Erster Armutsatlas vorgestellt / Paritätischer Gesamtverband fordert höheren Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger

BERLIN (hom). Vorpommern ist die Region Deutschlands, in der die Armut am größten ist. Jeder vierte Bürger dort lebt an oder unterhalb der Armutsschwelle. Im Schwarzwald in Baden-Württemberg dagegen sind die wenigsten Menschen arm. Hier liegt die Armutsquote bei nur 7,4 Prozent.

Dies geht aus dem ersten regionalen Armutsatlas hervor, den der Paritätische Gesamtverband am Montag in Berlin vorgestellt hat.

Als arm gilt demnach, wer in Ostdeutschland weniger als 605 Euro und in den alten Bundesländern weniger als 730 Euro Einkommen im Monat hat. Deutschland sei hinsichtlich der Armutsentwicklung ein "zutiefst zerrissenes Land", erklärte Verbandschef Dr. Ulrich Schneider bei der Präsentation der Untersuchung. Ganze Regionen drohten in einen "Teufelskreis der Verarmung zu geraten", warnte er. "Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein." In den Regionen, wo die Armut am größten sei, seien auch die Abwanderungstendenzen am größten.

Der Armutsatlas dürfte auch mit Blick auf den Gesundheitszustand der Bundesbürger interessant sein. Hier gilt: Je niedriger das Einkommen, desto schlechter sind auch Gesundheit und Gesundheitsverhalten. Außerdem klagen gerade die Regionen, die hohe Armutsquoten aufweisen, über einen zunehmenden Mangel an Haus- und Fachärzten.

Die bundesweit höchsten Armutsquoten wurden den Untersuchungen der Paritäter zufolge in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern mit 24,3 Prozent und in Sachsen-Anhalt mit 21,5 Prozent festgestellt. In der Region Vorpommern sind sogar 27 Prozent der Menschen arm. Die geringsten Werte verzeichneten Baden-Württemberg mit zehn Prozent und Bayern mit elf Prozent. Im Bundesdurchschnitt liegt die Armutsquote derzeit bei 14,3 Prozent.

Verbandschef Schneider verlangte, den Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger von 351 auf 440 Euro im Monat zu erhöhen. Konjunkturprogramme müssten zudem stärker regional ausgerichtet werden, erklärte Schneider. Scharfe Kritik übte der Verband am Konjunkturpaket II der großen Koalition.

Die zehn Milliarden Euro an Bundesmitteln für Investitionen in Bildung und kommunale Infrastruktur flössen zu gut einem Drittel ausgerechnet in die Bundesländer, "die mit Abstand die geringsten Armutsquoten aufweisen". Eine solche Mittelverteilung sei "ökonomisch unvernünftig und sozial ungerecht". Konjunkturspritzen wie die Abwrackprämie würden die Spaltung zwischen Arm und Reich noch vergrößern, anstatt sie zu schließen.

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