Ärzte Zeitung, 03.07.2009

Ärzte-Protest mit Sprechstunde im Lazarett

In einem Zelt mit zwei Feldliegen wurden am Mittwoch in Haubersbronn, etwa 30 Kilometer östlich von Stuttgart, Patienten behandelt. Die kreative Aktion war eine von vielen Protestveranstaltungen der Ärzte im ganzen Land.

Von Volker Rothfuss

Empfangstresen vor Zelten: Praxismitarbeiterinnen in Haubersbronn.

Foto: rhv

SCHORNDORF/SCHWÄBISCH HALL. Das Lazarett ist Symbol für den Protest der niedergelassenen Ärzte im Südwesten: Sie sehen sich von der Pleite bedroht und als Verlierer der Honorarreform.

Die Aufnahme der Patienten erfolgt unter freiem Himmel bei 29 Grad Außentemperatur. Vor den Praxismitarbeiterinnen steht eine ältere Dame mit Schmerzen im Bauch. Sie wird in das Lazarett-Zelt zur Diagnose geführt. Nur ein paar Schritte von der Zeltstadt entfernt steht das Praxisgebäude von Dr. Jörg Finkenthei. Im Ernstfall hätten er und seine Kollegen die Versorgung in den Praxisräumen sicherstellen können. Und so kommt es dann auch. Die Patientin, die Hand zittrig auf den Bauch gelegt, wird behandelt - in der Praxis.

Was auf dem Platz davor an ein Feldlager oder einen Katastropheneinsatz erinnert, soll den landesweiten Ärzteprotest unterstützen. Der Allgemeinmediziner Dr. Alexander Beck sitzt auf einer Holzbank und erklärt die Gründe: "Wir wollen, dass es auch im Jahr 2015 noch Haus- und Fachärzte auf dem flachen Land gibt. Ärzte, die wohnortnah Patienten zur Verfügung stehen - gerade den älteren und wenig mobilen Menschen."

Schon Anfang April war jede zweite Arztpraxis für einen Tag geschlossen geblieben. Zuvor hatten Ärzte und Praxismitarbeiterinnen im März bei einer Großveranstaltung in Stuttgart einen Forderungskatalog verabschiedet. Nun verdeutlicht die Haubersbronner Aktion, dass sich bisher nichts zum Besseren gewendet hat. "Wenn sich nicht bald was ändert, werden mehr Praxen schließen müssen. Darunter werden als erste die alten Menschen leiden", so Beck.

Auch 60 Kilometer nördlich von Haubersbronn, in Schwäbisch Hall, stehen Ärzte und ihre Mitarbeiter auf der Straße. "50 Prozent der Fach- und Hausärzte in unserer Region sind über 50 Jahre alt, bei jedem von ihnen ist die Nachfolge ungewiss", sagt die Allgemeinärztin Martha Dickreiter. Am Rand des Wochenmarkts sucht sie mit Kollegen das Gespräch mit Passanten. Sterben die Niedergelassenen auch in Schwäbisch Hall bald aus? Der Augenarzt Dr. Stefan Hornef: "Wir nehmen dieses Schicksal nicht widerstandslos hin. Was uns dabei freut, sind die Patienten, die uns unterstützen."

Zustimmung erhalten die Ärzte, die sich als "Flyerverteilkommando" über den Stadtkern verteilt haben, von Männern in kurzen Hosen und Frauen in Taftröcken, die sich mit Sommerhüten gegen die Sonne schützen. Eine von ihnen ist Sibylle Ölschläger. Die etwa Dreißigjährige - gesetzlich versichert - aus Schwäbisch Hall unterstützt die Forderungen der Ärzte: "Wenn es bald keine niedergelassenen Ärzte mehr gibt, was dann? Uns Versicherten garantiert das Gesetz die freie Arztwahl. Deshalb muss die Politik die Existenz der wohnortnah praktizierenden Ärzte sichern."

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