Ärzte Zeitung online, 30.07.2009

Nach der Wende ist die Zahl der Suizide im Osten gesunken

Nach der Wende ist die Zahl der Suizide in Magdeburg deutlich zurückgegangen. Vor allem ältere Menschen nehmen sich seltener das Leben. Das zeigt eine Studie des Psychiaters Dr. Axel Genz.

Trauriger Rekord des real existierenden Sozialismus: Depression und Suizidalität. Die Wende brachte den Stimmungswandel: Die Suizidrate sank drastisch.

Von Petra Zieler

Wie hat sich die Zahl der Selbstmorde nach der Wiedervereinigung entwickelt? Um dieser Frage nachzugehen, filterte Dr. Axel Genz, geschäftsführender Oberarzt an der Magdeburger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie zunächst aus mehr als 33 000 Totenscheinen alle Selbstmorde innerhalb Magdeburgs zwischen 1985 und 1989 sowie zwischen 1999 und 2004 heraus. In den insgesamt zehn Jahren hatten sich 676 Menschen das Leben genommen, über 400 vor der Wende, mehr als 200 im Untersuchungszeitraum danach. Die Suizidrate war also um etwa die Hälfte zurückgegangen.

In Pflegeheimen waren viele sich selbst überlassen

"Unser Ziel war, anhand der Studie zu ermitteln, ob sich die Veränderungen nach der Wende auf das Suizidverhalten ausgewirkt haben und wenn ja, wie", sagt Genz. So hat die Wende viele Veränderungen auch im sozialen Bereich mit sich gebracht. Gravierende Umbrüche gab es dabei auch bei der ambulanten und speziell auch in der psychiatrischen oder psychotherapeutischen Versorgung. "In der Stadt gab es vor der Wende fünf Psychotherapeuten, heute sind es über 70. Die Behandlung von Patienten mit Depressionen war nur eingeschränkt möglich und bis 1998 gab es lediglich eine Einrichtung für eine stationäre psychotherapeutische Versorgung", berichtet Genz. Dazu kamen nach 1990 Negativfaktoren wie die hohe Arbeitslosigkeit, deutlicher zutage tretende soziale Grenzen oder auch die Gewöhnung an eine neue Arbeitsumgebung.

Foto: Petr Nad©www.fotolia.de

"Der Zeitvergleich war spannend", berichtet Genz. Ihn hat sehr erstaunt, dass vor allem bei über 65-Jährigen die Zahl der Suizide am stärksten zurückgegangen ist. Die Gründe dafür liegen nach ersten Erkenntnissen in einem deutlich verbesserten sozialen Umfeld. "Dies gilt", so Genz, "trotz der veröffentlichten Meinung übrigens auch für die Pflegeheime." Als Psychiater und Psychotherapeut war er zu DDR-Zeiten auch in Pflegeheimen tätig. "Die Eindrücke sind mir bis heute in Erinnerung. Und dabei geht es nicht nur um die Viel-Bett-Zimmer, sondern vor allem um die Lebensbedingungen der Menschen, die sich dort meist selbst überlassen waren." Heute können viele Senioren, egal, ob sie im Heim oder zu Hause leben, noch ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen. Sie reisen, treffen sich in Vereinen, gehen ihren Hobbys nach. Darüber hinaus gebe es wieder eine stärkere Anbindung an die Familie. "Oma und Opa werden wieder mehr gebraucht - auch für die Betreuung von Enkeln. Das wirkt sich durchaus positiv auf das Befinden aus", stellt Genz immer wieder fest.

Die Magdeburger Studie belegt außerdem, dass sich mehr berufstätige Männer als Frauen das Leben nehmen. Damit liegt die Landeshauptstadt eindeutig im europaweiten Trend. "Werden Männer arbeitslos", so der Oberarzt, "steigt ihr Suizidrisiko immens." Frauen dagegen seien besser in der Lage mit Belastungen umzugehen, egal, ob sie beruflicher oder familiärer Art sind.

Sich das Leben zu nehmen, ist heute schwerer

Zum deutlichen Rückgang der Suizidrate haben aber auch andere Faktoren beigetragen. Genz: "Es ist heute sehr viel schwerer, sich das Leben zu nehmen." So seien Gasvergiftungen oder das sanfte Entschlafen nach der Einnahme von Barbituraten heute nahezu ausgeschlossen. Zum einen wurde in Magdeburg auf Erdgas umgestellt und Barbiturate sind nicht mehr frei verfügbar. "20 Prozent der Selbstmörderinnen haben sich zu DDR-Zeiten mit Gas vergiftet. Wer sich heute das Leben nehmen will, muss dagegen sehr große Schmerzen oder aber die Ungewissheit auf sich nehmen, nach einem missglückten Versuch verstümmelt zu sein", erläutert der Psychiater, der aber noch weitere Erkenntnisse gewinnen will. Bislang konnte zum Beispiel noch nicht aufgeklärt werden, ob und inwieweit sich die bessere medizinische Versorgung auf die Suizidrate auswirkt.

Darüber hinaus werden Selbstmorde in Magdeburg auch weiterhin unter Genz' Leitung erfasst. "Innerhalb der EU startet in fünf Ländern ein Präventionsprojekt, an dem Leipzig und Magdeburg beteiligt sind." Während in Sachsen die Auswirkungen der Präventionsarbeit auf Suizide gemessen werden soll, bietet Magdeburg den Vergleich ohne zusätzliche vorbeugende Maßnahmen. "Ist das Projekt erfolgreich, werden wir uns ab 2011 daran beteiligen."

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