Ärzte Zeitung, 07.08.2009

Gespaltenes Urteil über das Gesundheitssystem

82 Prozent der Mediziner halten das Gesundheitssystem laut einer Umfrage für gut bis sehr gut. Dennoch fordern sie Reformen. Welche, bleibt unklar.

Von Bülent Erdogan

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82 Prozent der Niedergelassenen und Klinikärzte geben dem Gesundheitssystem mindestens ein "gut".

BERLIN. Das deutsche Gesundheitssystem und die Gesundheitsversorgung genießen unter Vertragsärzten und Klinikmedizinern weiter hohes Ansehen. 61 Prozent der Ärzte benoten es laut dem am Mittwoch vorgestellten 4. Gesundheitsreport des Finanzvertriebs MLP mit gut, 21 Prozent sogar mit sehr gut. Für die repräsentative Umfrage befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Mai und Juni neben 1832 Bürgern ab 16 Jahren auch 512 Ärzte aus Niederlassung und Krankenhaus.

Im Vergleich zur MLP-Erhebung aus dem Vorjahr hat sich an der generellen Einschätzung der Ärzteschaft damit kaum etwas verändert. Und das, obwohl die vergangenen Monate von heftigen Debatten um die Honorarreform 2009, den Gesundheitsfonds oder die Einführung von Rabattverträgen geprägt waren.

Trotz Einschränkungen in den vergangenen Jahren hält eine Mehrheit der Ärzte demnach auch die Leistungen in der GKV weiter für ausreichend. 60 Prozent aller Ärzte und 67 Prozent der befragten Hausärzte meinen, dass eine gute Gesundheitsversorgung in der GKV möglich ist. Bei den Fachärzten ist die Situation anders: Hier halten 41 Prozent die Versorgung für ausreichend, 53 Prozent haben "Zweifel", ob dies noch der Fall ist.

Die auf den ersten Blick positiven Bewertungen sind die eine Seite der Medaille. Deutschlands Ärzte stellen dem Gesundheitswesen und der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) jedoch mitnichten einen Blankoscheck aus: 56 Prozent der befragten Ärzte sind der Meinung, dass sich die Qualität der Gesundheitsversorgung in den vergangenen zwei, drei Jahren verschlechtert habe, 38 Prozent konstatieren keine nennenswerten Veränderungen.

Nur jeder zwanzigste kurativ tätige Mediziner ist der Ansicht, dass sich die Behandlungssituation in der GKV verbessert hat. Für 88 Prozent der Vertragsärzte wird es in den kommenden zehn Jahren zu einer Zweiklassen-Medizin kommen. 83 Prozent sind der Meinung, dass ihre Therapiefreiheit durch den Kostendruck im Gesundheitswesen bereits in Frage gestellt ist.

Der pessimistische Rück- und Ausblick der Ärzteschaft spiegelt sich in politischen Forderungen nach Änderungen am GKV-System wieder: Auf die Frage "Muss unser Gesundheitssystem umfassend reformiert werden, oder ist das nicht notwendig?" antworteten 81 Prozent der Ärzte mit Ja. Welche Reforminhalte sich die Ärzte konkret wünschen, geht allerdings nicht aus der Umfrage hervor.

Die Ärzteproteste der vergangenen Monate sind unter den Medizinern derweil offenbar auf große Zustimmung gestoßen. So hatte nur eine Minderheit von zwölf Prozent für Praxisschließungen von Kollegen kein Verständnis, jeder dritte hat selbst zeitweise die Praxis zugesperrt, um gegen die Politik von Schwarz-Rot oder das Reform-Management der Kassenärztlichen Vereinigungen zu protestieren. 54 Prozent haben laut Umfrage Verständnis für die Proteste. Dazu passt auch, dass viele Vertragsärzte mit ihrer persönlichen Situation mehr als unzufrieden zu sein scheinen: 59 Prozent der befragten Niedergelassenen mit Kassenzulassung gaben an, schon einmal über den Ausstieg aus dem GKV-System nachgedacht zu haben.

Die Zahl derer, die aktuell über eine Aufgabe ihrer Praxis nachdenken, liegt laut Report bei den Hausärzten bei 33 Prozent. In ländlich geprägten Regionen ist diese Quote unter allen Ärzten mit 34 Prozent noch ausgeprägter. Als Alternative kommt für viele eine Tätigkeit im Ausland in Betracht; 52 Prozent der Befragten unter 45 Jahren können sich dies vorstellen.

Die komplette Umfrage ist unter www.mlp-gesundheitsreport.de abrufbar.

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