Ärzte Zeitung, 02.09.2009

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Der Gesundheitsfonds nützt Ärzten fast nichts

Das Kernstück der Gesundheitsreform, der Fonds, findet bei Ärzten keine Gnade. Das geht aus einer Repräsentativumfrage hervor, deren Ergebnisse die "Ärzte Zeitung" vorstellt.

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Keine guten Noten vergeben Ärzte für den Gesundheitsfonds.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung auf eine neue Grundlage zu stellen, sie wetterfest zu machen für eine alternde Gesellschaft - das war das anspruchsvolle Ziel, mit dem die Große Koalition im Herbst 2005 startete. Unendlich mühsam war der Weg zu einem Kompromiss, der von konträren Standpunkten aus gefunden werden musste: dem Pauschalenmodell der Union und der Bürgerversicherung der SPD.

Die Kernelemente des Reformkompromisses - Recht auf Versicherung für alle, der Gesundheitsfonds mit dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich, Einheitsbeitrag und Zusatzbeitrag, Portabilität der Alterungsrückstellungen in der PKV und Basistarif - sind den meisten Bürgern bislang nur schwer zu vermitteln gewesen.

Eine Repräsentativumfrage der Unternehmens- und Managementberatung LifeScience Consulting Group, die Ende 2008 gemacht wurde und die die "Ärzte Zeitung" exklusiv publiziert, zeigt, dass Ärzte als Gesundheitsprofis nicht viel anders denken als der "Mann auf der Straße". An den Nutzen des Gesundheitsfonds glaubt fast niemand.

Der Fonds wird als eine Art Monopol empfunden

Taugt der Fonds für den Wettbewerb zwischen den Kassen? Eher nicht: Auf einer Skala zwischen 1 (trifft überhaupt nicht zu) und 10 (trifft voll und ganz zu) werden kaum positive Einflüsse auf den Wettbewerb der Kassen erwartet. Denn verbunden ist der Fonds mit einem Einheitsbeitrag und der Schaffung eines neuen Monopolisten, dem GKV-Spitzenverband, der bislang überwiegend als Bremser aufgetreten ist.

Dies erklärt möglicherweise, warum Ärzte befürchten, dass die Rolle ihrer Interessenvertretung, der KBV und der KVen, durch den Fonds eher geschwächt wird. Alarmierend dürften jedoch die ausgesprochen schlechten Werte zu Qualität und Wirtschaftlichkeit der künftigen Kassenmedizin sein: Der Fonds leistet keinen Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung, er macht sie aber auch nicht kostengünstiger.

Einschränkend muss allerdings bedacht werden, dass es sich hierbei nicht um ein Urteil über vorhandene Tatsachen handelt, sondern Erwartungen geäußert werden, die in hohem Maße von der Kommunikation über den Fonds geprägt sind. Tatsache ist: Die Koalition hat es nicht vermocht, den Gesundheitsfonds zu erklären - und das Management im Gesundheitswesen, vor allem der Krankenkassen, hat alles unternommen, das Projekt schlecht zu reden.

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Die gesetzliche Krankenversicherung wird teurer, Leistungen aber einschränken.

Die PKV ist für Ärzte von essenzieller Bedeutung

Wenig verwunderlich ist daher, dass Ärzte glauben, der Fonds trage nichts zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation bei. Nicht erkannt wird allerdings, dass der Morbi-RSA als Hauptaufgabe des Fonds eine wichtige Voraussetzung für eine morbiditätsorientierte Vergütung der Ärzte in Zukunft ist - Kassen mit einer hohen Krankheitslast also auch höhere Honorare zahlen können.

Und wie könnte oder sollte die Zukunft der Finanzierung aussehen? Die Erwartungen der Ärzte zeigen ein ziemlich klares Bild: Aus ihrer Sicht wird eine Bürgerversicherung nichts zu einer besseren Versorgung beitragen. Schon gar nicht wird die Versorgung gerechter. Die Entstehung (oder Verfestigung) der Zwei-Klassen-Medizin wird als reale Gefahr gesehen.

Ganz klar fällt das Votum für ein Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung aus. Dass die PKV abgeschafft wird, mag kaum ein Arzt glauben. Sie ist von Bedeutung, weil sie auch in Zukunft Ärzten die besseren Honorare als die GKV bieten wird. In beiden Systemen erwarten Ärzte in hohem Maße Ausgabensteigerungen - aber die gesetzlichen Krankenkassen werden stärker als die PKV zu Leistungseinschnitten greifen müssen. Allerdings werden auch in der PKV Reformen als nötig erachtet, beispielsweise durch Direktverträge mit Ärzten. Dies wird jedoch - bislang erfolgreich - von der Bundesärztekammer bekämpft.

Umfrage unter 585 Ärzten in Praxis und Klinik

"Ärzteschaft im Spannungsfeld von Markt, Politik und Pharmaindustrie" lautet der Titel der Repräsentativumfrage, die die LifeScience Consulting Group Ende 2008 auf eigene Initiative hin und selbst finanziert erstellt hat. 585 Ärzte haben daran teilgenommen, 430 aus der ambulanten Medizin, 155 aus der Klinik. Die Umfrage ist damit repräsentativ. Unter den Antwortenden sind 200 Allgemeinärzte und 385 Fachärzte.

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