Ärzte Zeitung, 02.09.2009

Was frustriert Ärzte - und verschärft den Ärztemangel?

Warum gehen immer weniger Ärzte in die Patientenversorgung? Furcht vor Staatsmedizin, steigende Fremdbestimmung? In einer Repräsentativumfrage haben sich Ärzte zu diesen Fragen geäußert. Die "Ärzte Zeitung" stellt die Ergebnisse exklusiv vor.

Von Helmut Laschet

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Ärztemangel ist nicht nur eine Honorarfrage: Zu viel Reglementierung und Arbeitsüberlastung wirken abschreckend.

BERLIN. Sorgten sich Ärzte noch vor wenigen Jahren darum, genügend Patienten zu finden, so hat sich das Meinungsbild inzwischen völlig gewandelt. Zumindest subjektiv empfinden und erwarten die Mediziner, dass es eng wird mit ihrer Arbeitskapazität. Das geht aus einer Repräsentativumfrage der Unternehmensberatung LifeScience Consulting Group unter 585 Ärzten in Praxis und Klinik hervor.

Wie tief die Sorge sitzt, lässt sich am hohen Relevanzwert der Frage nach den Ursachen des Ärztemangels erkennen: der liegt - auf einer Skala von 1 (niedrig) bis 10 (hoch) bei knapp 8,8. Die Gründe dafür sind vielfältig, nicht allein exogen verursacht, sondern auch von der eigenen Selbstverwaltung beeinflusst. Am abschreckendsten erleben Ärzte offenbar die steigende Fremdbestimmung bei ihrer Berufsausübung mit einem Wert von 8,5 auf der Relevanzskala. Diagnostik und Therapie gelten als überreglementiert.

Arbeitsüberlastung und zu niedrige Einkommen

Dafür verantwortlich gemacht wird wachsender ökonomischer Einfluss: steigende Sparzwänge, die einhergehen mit einem als zu gering empfundenen Verdienst. Offenkundig hat sich die lange, seit 1993 andauernde Budgetierungsphase in den Köpfen der Ärzte so tief eingegraben, dass die neuere Honorarentwicklung noch nicht realisiert worden ist. Zumindest für 2008 und 2009 können die meisten Vertragsärzte mit deutlich steigenden Honoraren rechnen. Trotz erheblicher Gehaltsverbesserungen in den vergangenen drei Jahren sind auch Klinikärzte immer noch unzufrieden. Zugleich sehen sich Deutschlands Ärzte im Hamsterrad. Die Klagen über Burnout-Syndrome nehmen zu.

Alles in allem eine riskante Entwicklung: Vorhandener Ärztemangel in bestimmten ländlichen Regionen und problematischen Teilen großer Städte schaukelt sich mit emotionaler Kommunikation zu einem Schreckgespenst für den medizinischen Nachwuchs hoch. Die Dramatisierung der Zukunft erweist sich als sich selbsterfüllende Prophezeiung.

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Kein wissenschaftliches Aushängeschild: das IQWiG im Urteil der Ärzte.

Dass die Ursachen für die Beschwernisse des ärztlichen Berufsalltags auch hausgemacht sind, zeigt ein Blick auf die Bewertung zweier Institutionen, die zuletzt vom Gesetzgeber gestärkt oder neu geschaffen worden sind: den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Der GBA hat sich dabei zum mächtigsten Steuerungsinstrument der Kassenmedizin entwickelt. Er entscheidet über den Leistungskatalog, neue Leistungen und deren Wirtschaftlichkeit. Er definiert Bedarfsgerechtigkeit und Qualität. Vor allem aber: Er ist die demokratisch legitimierte Selbstverwaltung der Ärzte, Kliniken und Versicherten. Macht der GBA seinen Job gut? Das Urteil der Ärzte ist vernichtend: Der GBA steht meistens auf der Bremse. Er ist keine Hilfe bei der Verbesserung interdisziplinärer Qualitätssicherung. Er leistet wenig für die Weiterentwicklung der Methodenbewertung ärztlicher Leistungen. Er steht auch auf dem Schlauch, wenn es um die Weiterentwicklung von Präventionsleistungen geht. Und er steht für die Öffnung der Kliniken für ambulante Behandlung - mehr Konkurrenz für die Vertragsärzte. Kein gutes Zeugnis für ein Gremium, das auf die gesamte Expertise der ärztlichen Selbstverwaltung zurückgreifen kann. Oder ein Beleg dafür, dass sich die Funktionäre dieser Selbstverwaltung weit von ihrer Basis entfernt haben.

Noch problematischer fällt das Urteil der Ärzte über das IQWiG aus. Das dem GBA angehängte wissenschaftliche Institut, das neben seiner Fülle von Aufgaben eigentlich nur durch die umstrittene Kosten-Nutzen-Bewertung für Arzneimittel im Fokus der Öffentlichkeit ist, wird als Synonym für verloren gegangene Therapiefreiheit verstanden.

Obgleich das Institut selbst nur Empfehlungen an den GBA gibt, glauben Ärzte, dass es Therapieentscheidungen einschränkt, hinderlich ist bei der freien Auswahl von Medikamenten und den medizinischen Fortschritt ausbremst. Auch dem eigenen Anspruch, den evidenzbasierten State of the Art in der Medizin abzubilden, wird das IQWiG in den Augen der Ärzte nicht gerecht. Aber es trägt erheblich zur Verunsicherung bei. Genau das Gegenteil war politisch intendiert.

Verhalten ist die Position der Ärzte zu Disease-Management-Programmen. Dass DMP Patienten nützen, halten Ärzte nicht für zutreffend. Dass sie kostensparend sind, glaubt kaum jemand. Folgerichtig sollten DMP nach Ansicht der Ärzte auch nicht ausgeweitet werden.

Umfrage unter 585 Ärzten in Praxis und Klinik

"Ärzteschaft im Spannungsfeld von Markt, Politik und Pharmaindustrie" lautet der Titel der Repräsentativumfrage, die die LifeScience Consulting Group Ende 2008 auf eigene Initiative selbst finanziert gemacht hat. 585 Ärzte haben daran teilgenommen, 430 aus der ambulanten Medizin, 155 aus der Klinik. Die Umfrage ist damit repräsentativ. Unter den Antwortenden sind 200 Allgemeinärzte und 385 Fachärzte.

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