Ärzte Zeitung, 10.09.2009

MVZ-Betreiber beurteilen Zukunft skeptisch

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sehen ihre Zukunftsperspektiven schlechter als noch vor einem Jahr. Zu der Verunsicherung trägt auch der ungewisse Ausgang der Bundestagswahl bei.

Von Angela Mißlbeck

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Klare Signale: Wenn nach der Wahl eine schwarz-gelbe Regierungskoalition in Berlin das Ruder übernehmen sollte, käme das MVZ-Betreibern sehr gelegen.

BERLIN. Jedes dritte MVZ bewertet seine Zukunftsaussichten schlechter als im vergangenen Jahr. Optimistischer als damals zeigen sich heute nur wenig mehr als ein Fünftel der Einrichtungen. Das ist ein Ergebnis der zweiten Umfrage des Bundesverbands der MVZ (BMVZ), die der Verband am morgigen Freitag auf seinem Jahreskongress präsentieren wird. An der Umfrage haben knapp 200 MVZ teilgenommen, darunter 82 Klinik-MVZ. Die Ergebnisse liegen der "Ärzte Zeitung" exklusiv vorab vor.

Die eingetrübte Stimmung unter den MVZ führt BMVZ-Vize Dr. Bernd Köppl auf zwei Faktoren zurück: Außer der Bundestagswahl tragen auch die letzten Änderungen bei der Honorarreform zur Verunsicherung bei. "Dass die höchsten Gremien gemeinsam mit den Krankenkassen eine nachteilige Regelung zur Fallzählung für die MVZ beschlossen haben, wirkt sich äußert verunsichernd aus. Hinzu kommt die politische Unsicherheit im Vorfeld der Bundestagswahl", so Köppl. Äußerst überrascht zeigte er sich über die Hoffnungen, die MVZ mit Blick auf verschiedene Regierungskonstellationen hegen.

MVZ setzen auf Schwarz-Gelb

In ihren Erwartungen an eine künftige Bundesregierung unterscheiden sich die MVZ kaum von niedergelassenen Ärzten und Freiberuflern. Trotz der MVZ-freundlichen Politik von SPD, Grünen und Linken und der Ankündigung der Union, die Trägerschaft für MVZ zu beschränken, sind die Erwartungen der MVZ an eine schwarz-gelbe Koalition am positivsten. Immerhin knapp 40 Prozent aller Befragten erwarten von einer schwarz-gelben Regierung Verbesserungen und nur gut 15 Prozent Verschlechterungen, während von einer rot-grünen Regierung mehr als die Hälfte der befragten MVZ Verschlechterungen erwartet und nur etwas mehr als jede zehnte Einrichtung Verbesserungen. Bei einer Fortsetzung der großen Koalition rechnet noch jedes dritte MVZ mit Verschlechterungen.

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Konstruktive Haltung der KV? Die können vor allem Vertragsärzte als MVZ-Betreiber in ihrem Arbeitsalltag nicht erkennen.

Das Verhältnis von MVZ und niedergelassenen Ärzten in der Umgebung hängt nach den Umfrageergebnissen stark von der Trägerschaft und der Ansiedlung im Osten oder Westen ab. Insgesamt beobachtet der Verband eine gewisse Gewöhnung der Niedergelassenen an die neuen Strukturen. Ein Fünftel der MVZ bewertet das Verhältnis zu den Inhabern der umliegenden Praxen besser als im Vorjahr.

Klinik-MVZ beschreiben ihr Verhältnis zu niedergelassenen Kollegen jedoch deutlich negativer als andere MVZ. Nur knapp die Hälfte der Krankenhaus-MVZ sprechen von einer guten Zusammenarbeit. Unter den sonstigen MVZ sind das über 60 Prozent. Mehr als jedes siebte Klinik-MVZ bezeichnet das Verhältnis zu den Niedergelassenen als gespannt. "Die Kliniken müssen daran arbeiten, das abzubauen", sagt Köppl.

Er geht davon aus, dass sich hier Schwierigkeiten aus der Gründungsphase der MVZ fortsetzen. Denn die Gründung von MVZ durch Kliniken stößt oft auf Widerstand - besonders in den alten Bundesländern. Fast 40 Prozent der Krankenhaus-MVZ im Westen Deutschlands berichten von Protesten gegen die MVZ-Gründung. Im Osten sind es 23,3 Prozent.

Diesen Unterschied erklärt der BMVZ-Vize mit zwei Faktoren: Zum einen sei die Skepsis gegenüber MVZ in den neuen Bundesländern durch die Erfahrungen mit Polikliniken weniger groß gewesen als im Westen. "Die Propaganda gegen MVZ wirkt im Westen stärker nach", so Köppl. Zum anderen seien in den alten Bundesländern aber auch deutlich mehr MVZ gegründet worden.

Der BMVZ-Vize und Leiter der Sana-Gesundheitszentren in Berlin, die aus den früheren Polikliniken hervorgegangen sind, äußert Verständnis für die Kritik von Niedergelassenen an Portal-MVZ, wie sie die Rhön-Kliniken planen. "Portal-MVZ dienen nur dazu, Krankenhäuser zu füllen", sagt er.

Vertragsärzte haben eine hohe Erwartungshaltung

Erstaunlich ist jedoch, dass Klinik-MVZ ihr Verhältnis zu den Kassenärztlichen Vereinigungen deutlich besser bewerten als MVZ, die von Vertragsärzten gegründet wurden. Köppl sieht dafür eine hohe Erwartungshaltung der Vertragsärzte als ursächlich und geht davon aus, dass sie die Umstellungen, die mit der Umwandlung der Gemeinschaftspraxis in ein MVZ verbunden sind, oft unterschätzen.

Ein Fünftel aller MVZ beschreibt, dass sich das Verhältnis zur KV seit 2008 verschlechtert hat. An den regionalen Unterschieden bei der Bewertung des KV-Verhaltens hat sich aber kaum etwas geändert. Nach wie vor fühlen sich in Berlin mit mehr als 60 Prozent der MVZ die meisten Einrichtungen von der KV behindert. Köppl führt das auf den "beinharten Kampf der Berliner KV-Spitze gegen MVZ" zurück. Am positivsten bewerten MVZ aus Bayern und Niedersachsen die Haltung ihrer KV.

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