Ärzte Zeitung, 14.09.2009

Für Konrad Schily heißt es: Bye, bye Bundestag

Für Konrad Schily heißt es: Bye, bye Bundestag

Bei seinem Einzug in den Bundestag 2005 wurde der Arzt Konrad Schily von seiner Partei gefeiert. Dann ließ ihn die FDP-Spitze fallen. Die Gesundheitspolitik der großen Koalition zerpflückten andere. Schily kandidiert trotzdem wieder. Seine Chancen sind gleich Null.

Für Konrad Schily heißt es: Bye, bye Bundestag

Hätte die FDP gerne weiter im Deutschen Bundestag vertreten: Der Arzt und Gründer der Privatuniversität Witten-Herdecke, Dr. Konrad Schily.

Foto: ddp

Von Thomas Hommel

BERLIN/WITTEN. Drin bleiben würde er schon ganz gerne, im Bundestag am Ufer der Berliner Spree. Da, wo in Deutschland große Politik gemacht wird und seine Partei, die FDP, nach dem 27. September zusammen mit der Union Regierungsverantwortung übernehmen will. "Ich hätte mir eine zweite Amtszeit gewünscht", sagt Konrad Schily und streicht sich mit den Händen das graue Haar aus dem Gesicht. "In der ersten Amtszeit muss man sich einrichten, muss man lernen", weiß er heute - nach vier Jahren Parlamentsarbeit.

Trotzdem wird es für Schily nach dem 27. September wohl heißen: Bye, bye Bundestag. Denn anders als 2005, als Schily über die Landesliste der FDP in Nordrhein-Westfalen ins Parlament einziehen konnte, müsste er diesmal ein Direktmandat in seinem Wahlkreis Witten erringen, um ein zweites Mal im Bundestag Platz nehmen zu können. Dass ihm das gelingt, glaubt selbst Schily nicht.

Er nimmt es gelassen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, ist immerhin größer als den Lotto-Jackpot zu knacken", scherzt er - und wird wieder ernst, als er über seine Erfahrungen als Parlaments-Neuling berichtet. "Der Bundestag könnte ruhig kleiner sein." Er selber wäre dann wohl nicht reingekommen, so Schily. "Aber das würde die Nation auch nicht schmerzen."

Tatsächlich ist Konrad Schily, den Kollegen als Quereinsteiger mit Tiefgang schätzen, blass geblieben in der zurückliegenden Legislatur. Die Gesundheitspolitik der großen Koalition zerpflückten andere in der Fraktion. Der Bankkaufmann Daniel Bahr zum Beispiel, den Parteichef Guido Westerwelle anstelle von Schily zum gesundheitspolitischen Sprecher kürte. "Gewundert" habe ihn das damals schon, sagt Schily. Nachtreten will er aber nicht. Die Strategen in der Partei hätten ihn überzeugt, dass es besser sei, dem berufspolitisch versierteren Bahr den Vortritt zu lassen. "Ob ich das in einer neuen Legislaturperiode, wenn ich sie denn erreichen könnte, genauso wieder machen würde, glaube ich nicht."

Geärgert hat sich Schily immer wieder über die "Debattenkultur" im Hohen Haus. "Es gibt nur wenige, die frei reden. Und es gibt viele, die eine Rede, die sie selber nicht geschrieben haben, vorlesen. Das hat mit Debatte gar nichts zu tun."

Als "ungerecht" empfindet er, dass die Redezeit der Abgeordneten nach der Fraktionsgröße aufgeteilt wird. Bei eineinhalb Stunden Aussprache habe die große Koalition 70 Minuten Redezeit. "Da wiederholt sich ganz viel", sagt Schily. Für die Argumente der Opposition bleibe hingegen wenig Zeit.

Glanzstunden habe das Parlament immer dann erlebt, wenn der Fraktionszwang aufgehoben worden sei - wie in der Debatte um Stammzellen oder Spätabtreibungen. "Da merkte man, dass die Leute mit dem Herzen dabei sind." Nicht so bei der Debatte über die gesetzliche Regelung von Patientenverfügungen. "Da habe ich die Politik als vom sogenannten Volkswillen getrieben empfunden."

Richtig hochgegangen sei ihm der Hut kurz vor Verabschiedung der Gesundheitsreform 2007. "Wir bekamen morgens um halb acht 90 Änderungen rein", erinnert sich Schily. Um neun Uhr habe die Sitzung des Gesundheitsausschusses begonnen. Als er und seine Kollegen dort angekommen seien, um über die Änderungen abzustimmen, hätten sie feststellen müssen, dass Fachleute der SPD, die der Reform kritisch gegenüberstanden, ausgetauscht worden seien. Stattdessen hätten Abgeordnete Platz genommen, die die Reform nur noch abnickten. "Das war keine Lehrstunde in Demokratie, sondern dafür, wie drücke ich was durch", sagt Schily.

Allzu sehr vermissen dürfte er den Parlamentsbetrieb also nicht.

Arzt und Uni-Gründer

Dr. Konrad Schily wurde 1937 in Bochum geboren. Sein Medizinstudium absolvierte der Bruder des früheren Bundesinnenministers Otto Schily in Tübingen und Hamburg. Ende der sechziger Jahre gründete er das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, aus dem 1982 die private Uni Witten/Herdecke hervorging. (hom)

Gesundheitspolitiker im Wahlkampf

Wie machen Gesundheitspolitiker Wahlkampf?

Lesen Sie dazu auch:
Annette Widmann-Mauz: Ein offenes Ohr für große und kleine Sorgen
Dr. Carola Reimann: "Ich hätte gerne vier Wochen lang gestritten"
Birgitt Bender: "Ich möchte keine Honorarpolitik machen"
Dr. Markus Söder: Solidarität kann auch Grenzen haben
Professor Karl Lauterbach: "Der Straßenwahlkampf ist entscheidend"
Daniel Bahr: "Ich kann niemals Lobbyist der Ärzte sein"
Frank Spieth: Sekt oder Selters für den linken Renegaten

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »