Ärzte Zeitung, 14.09.2009

Kommentar

Fragen, die nicht gestellt wurden

Von Florian Staeck

Was für eine vertane Chance! Ein Fernsehpublikum von 14 Millionen Menschen, die Kanzlerin und ihr Konkurrent auf dem Präsentierteller von vier Journalisten und beinahe eine Viertelstunde Debattenzeit für das Gesundheitswesen.

Es hätte ein Schlagabtausch sein können, der den Wahlbürgern die zentralen Probleme der Gesundheitsversorgung vor Augen führt: Eine rapide alternde Bevölkerung, eine umlagefinanzierte Krankenversicherung, deren finanzielle Basis immer wackeliger werden wird. Medizinisch-technischer Fortschritt und demografischer Wandel wären hier die Stichworte. Welche Antworten haben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier schließlich auf die wachsenden Probleme der ambulanten Versorgung - auf verwaiste Landarztpraxen und fehlenden hausärztlichen Nachwuchs?

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Handschlag vor dem großen TV-Duell: Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Foto: ARD

Mit Plastikphrasen aus der Verantwortung entlassen

Die Antworten bleiben aus, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Stattdessen verplemperte das Journalistenquartett die knappe Debattenzeit mit Randständigem wie der "Dienstwagenaffäre" von Ulla Schmidt und ihrer verzögerten Aufnahme in das Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten.

Beide Politiker wurden mit Plastikphrasen aus der Verantwortung entlassen: Keine Zweiklassenmedizin, gute Versorgung für alle Bürger. Nachfragen, wie das künftig finanziert wird: Fehlanzeige. Das klare Ja der Kanzlerin zum Gesundheitsfonds war die bestimmteste Aussage der CDU-Chefin. Damit erledigt sich der anderslautende Verbalradikalismus der bayerischen Schwesterpartei für den Rest des Wahlkampfs.

Die alten Reizbegriffe taugten nicht zum Konflikt

Ebenso dürfte es den Ambitionen der CSU ergehen, eine Regionalisierung der GKV unter bayerischen Vorzeichen zu erreichen - sie bleiben Bierzeltgespinste. Steinmeier konnte im Gegenzug mit der alten Idee der Bürgerversicherung einen der seltenen Unterschiede zur Kanzlerin herausstreichen. Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie: Die Reizbegriffe aus dem Bundestagswahlkampf 2005 entzündeten keine Debatte mehr. Merkel umschiffte das ungeliebte Alt-Konzept der Kopfpauschale vollends, bei Steinmeier stand die Bürgerversicherung nur als Passepartout für sozialen Ausgleich und den Kampf gegen Zweiklassenmedizin.

Nach knapp 15 Minuten fiel der Vorhang für das Thema -  die Herausforderungen blieben unerwähnt. Welche Pläne Merkel und Steinmeier tatsächlich für das deutsche Gesundheitswesen haben, erfuhren die Zuschauer nicht -  eine vertane Chance.

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