Ärzte Zeitung, 18.09.2009

Auf der Suche nach dem Weg in die Gewalt: Ist eine Prävention von Amokläufen möglich?

Nach dem jüngsten Amoklauf in Ansbach stellt sich wieder die Frage: Hätte man die Tat vorhersehen können? Ja, sagt Dr. Jens Hoffman von der TU Darmstadt, der das Frühwarnsystem "Dyrias" entwickelt hat.

Von Sabine Schiner

Auf der Suche nach dem Weg in die Gewalt: Ist eine Prävention von Amokläufen möglich?

Kerzen vor der Schule in Ansbach. Hier wurden zehn Schüler verletzt.

Foto: dpa

Auf dem Weg zu dem Kriminalpsychologen Jens Hoffmann kommt über das Autoradio die Meldung: "Amoklauf in Ansbach". Kurze Zeit später im Institut für Psychologie der TU Darmstadt. Im Büro von Hoffmann klingelt es ständig auf allen Leitungen. Das ZDF in Mainz will ihn für ein Interview im Studio haben, der WDR in Köln auch. Der Psychologe ist ein gefragter Experte für Amokläufe von Jugendlichen.

Hoffmann informiert sich kurz im Internet über die Fakten: Ein 18-Jähriger hat am Donnerstag ein Gymnasium in Ansbach gestürmt und mehrere Menschen verletzt. Nach Polizeiangaben hat er zwei Brandbeschleuniger geworfen. Nach kurzer Zeit wurde der Mann von Polizisten überwältigt und festgenommen.

Molotow-Cocktails sind im Trend bei Jugendlichen

"Die Verwendung von Molotow-Cocktails scheint ein Trend zu sein", sagt Hoffmann und verweist auf den Fall einer Schülerin in Bonn. Sie hatte im Mai auf einer Schultoilette eine Mitschülerin mit dem Messer verletzt - mit im Gepäck hatte sie Sprengsätze und eine Gaspistole. "Bauanleitungen für solche Cocktails sind im Internet zu finden", so Hoffmann.

Auf der Suche nach dem Weg in die Gewalt: Ist eine Prävention von Amokläufen möglich?

Viele potenzielle Täter sind nicht offen aggressiv. Dr. Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Sicherheit an der Technischen Universität Darmstadt.

Foto: privat

Der Darmstädter Psychologe hatte direkt nach dem Amoklauf in Erfurt im Jahr 2002 mit der Entwicklung des Frühwarnsystems "Dyrias" begonnen. Das "Dynamische Risiko-Analyse-System" soll helfen, bevorstehende Gewalttaten und Amokläufe an Schulen rechtzeitig zu erkennen. Das Programm soll Schulpsychologen, Psychiatern, Polizisten und Pädagogen helfen, bestimmte Risikofaktoren bei Jugendlichen, die etwa durch Drohungen und Gewaltfantasien aufgefallen sind, besser einschätzen zu können. "Viele potenzielle Täter sind nicht offen aggressiv", so Hoffmann.

Das Präventions-Programm bietet Hintergrundinformationen, es gibt Fallbeispiele, Quellennachweise, Literaturlisten "Es soll die Nutzer schlau machen", sagt Hoffmann. Abgefragt werden auch 32 Verhaltensvariablen: Sind Drogen im Spiel? Welche Auffälligkeiten gibt es?

Wie bei einem Puzzle wird Teil für Teil zusammengesetzt. Alle Daten werden verschlüsselt eingetragen. Das Vorhersage-System ähnelt einer Wetterprognose: Ein Tief alleine macht noch kein Jahrhundertwetter aus. Das heißt: Wenn ein Jugendlicher an Depressionen leidet, dann ist er deshalb noch längst kein Sicherheitsrisiko. Äußert er zudem Suizidgedanken, schaut er gerne Gewaltfilme und identifiziert sich mit Gewalttätern, dann sollte er genauer unter die Lupe genommen werden. "Wir spüren den Verhaltensweg, der zu Gewalt führt, nach", beschreibt Hoffmann die Vorgehensweise.

Der Amoklauf von Winnenden am 11. März - dabei wurden 15 Menschen von einem 17-Jährigen ermordet - hätte mit der Software nach Meinung des Psychologen früh erkannt werden können. "Das System hätte bereits Monate vor der Tat auf der höchsten Risikostufe Alarm geschlagen." Je früher interveniert werde, desto besser stünden die Chancen, einen Amoklauf zu verhindern.

Eingesetzt wird "Dyrias" derzeit in der Schweiz von der Polizei und anderen Fachleuten in Zürich. Auch die Basler Polizei sowie Vertreter aus der Jugendpsychiatrie zeigen Interesse. "Wir haben Schulungen für Ende November geplant", sagt Hoffmann. Die Jahreslizenz für das Präventionsprogramm kostet 985 Euro. "Schulen bekommen das System zu reduzierten Preisen", sagt Hoffmann.

Dann klingelt erneut das Telefon: Wieder ein Medienvertreter, der mit ihm über Ansbach reden will. "41 Tote in zehn Jahren sind zu viel", sagt Hoffmann, dann greift er zum Hörer.

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