Ärzte Zeitung, 24.09.2009

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Sekt oder Selters für den linken Renegaten

37 Jahre war er in der SPD, dann kündigte er wegen der Agenda 2010 die Gefolgschaft und zog für die Linke in den Bundestag ein: Jetzt will Frank Spieth der SPD das Direktmandat in Erfurt/Weimar wegnehmen.

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Mit der Piaggio Ape auf Wahlkampftour: Frank Spieth von der Linken.

Foto: ble

Von Bülent Erdogan

ERFURT. Es will nicht so richtig hell werden an diesem Montagmorgen über dem Berliner Platz in Erfurt. Der Himmel zeigt sich grau in grau. Von Zeit zu Zeit nieselt es. Gerade einmal elf Grad Celsius misst das Thermometer. Etwa 6000 Menschen leben rund um den Berliner Platz, der den sozialen Mittelpunkt des heute noch etwas trostloser wirkenden Neubaugebiets der thüringischen Hauptstadt bildet. Wessis verraten sich, wenn sie von "der Platte" reden.

Zu DDR-Zeiten war die Gegend ein attraktives Quartier, Ausdruck sozialistischer Städtebauvision. Doch der wirtschaftliche Absturz nach der deutschen Wiedervereinigung hat die soziale Struktur wie in so vielen Plattenbauvierteln entmischt. Wo früher Kinder von Werktätigen und der Intelligenzija durch die Häuserschluchten wuselten, leben heute vor allem alte Menschen und Arbeitslose. Immerhin gibt es eine Ladenzeile für den täglichen Bedarf, sogar eine Bibliothek.

In soziokulturellen Biotopen wie diesen macht der Linkenpolitiker Frank Spieth besonders gern Wahlkampf. Seit vier Jahren sitzt der 62-Jährige im Deutschen Bundestag und kommt immer wieder ins Viertel. Er hat einen kleinen Stand aufgebaut. Vier Helfer in knallroten Windjacken verteilen das Infoblatt "spieth konkret extra". Es gibt Wahlprogramme, Kugelschreiber und als "Medizin" deklarierte Weingummis gegen die Zocker in den Banken.

Auffallend oft wird Spieth am Stand von den Bürgern selbst angesprochen, Menschenfischerei muss er jedenfalls nicht betreiben. Die allgemeine Stimmung für die Linke ist hier positiv, die Leute gehen auf den Politiker zu. Doch nicht immer verläuft die Linie zwischen Freund und Feind eindeutig: Ein älterer Herr nähert sich dem Stand, schimpft über die Roten, die ihre Versprechen nicht gehalten hätten.

Spieth will wissen, welche Versprechen dies denn gewesen sein sollen. Der Rentner will schon zur nächsten Tirade ausholen, als er merkt, dass er die einen mit den anderen Roten verwechselt hat. Der Groll galt der SPD. Nachdem diese Klippe umschifft ist, folgt ein kleiner Plausch und eine nette Verabschiedung.

Für seine Kampagne hat Spieth tief in die Tasche gegriffen. 20 000 Euro dürften es werden. Im vergangenen Wahlkampf unterlag der im schwarzen Rollkragenpulli und beigem Mantel gekleidete Politiker mit 26,2 Prozent dem Thüringer Eigengewächs Carsten Schneider von der SPD mit 31,5 Prozent. Über die offene Liste der PDS gelangte er dennoch in den Bundestag.

Der gebürtige Wetzlarer und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Thüringen hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Anders als 2005 will er diesmal nur als direkt gewählter Abgeordneter in den Bundestag einziehen. Ohne Netz und doppelten Boden. "Ich will mit aller Macht gewinnen. Sekt oder Selters", sagt der in dritter Ehe lebende dreifache Vater, der als 14-jähriger Junge mit Sprengstoff spielte und dabei die rechte Hand verlor. Für den Wahlkreis Erfurt/Weimar/Weimarer Land II rechnet er sich diesmal 30 Prozent plus X aus.

Wie viele Gewerkschafter bei der Linken war auch Spieth, der Ende 1989 in den Osten ging, einmal überzeugter Sozialdemokrat. Empört über die Agenda-Politik Gerhard Schröders trat er nach 37 Jahren aus, bezichtigte die Genossen vor laufenden TV-Kameras gar der Lüge. Anfangs, erzählt Spieth, hätten ihn die ehemaligen Genossen dafür geschnitten. "Das erste Jahr war schon eklig."

Inzwischen hat sich Spieth im Gesundheitsausschuss des Bundestags eingerichtet. Von den früheren Anfeindungen ist zumindest dort nicht mehr viel zu spüren. Auch wenn Spieth ein absolutes Kontrastprogramm zur Gesundheitspolitik von Schwarz-Rot vertritt: Weg mit dem Gesundheitsfonds und der PKV, Nein zu Zuzahlungen, Ja zur Bürgerversicherung für Alle. Doch zumindest heute spielt Gesundheitspolitik am Stand keine Rolle.

Einer der Helfer Spieths macht sich derweil einen Spaß daraus, einem Jungnazi in roter Bomberjacke eine "spieth konkret" anzudienen. Der erwidert barsch: "Falsche Partei". "Ich weiß", blafft der groß gebaute Helfer zurück. "Ich will ihnen zeigen, dass wir keine Angst vor ihnen haben", sagt er anschließend. Ja, ein paar Neonazis gebe es schon hier. "Die spielen gern Polizei".

Dass ihn im Wahlkreis mehr als eine Handvoll Ärzte wählen werden, glaubt Spieth nicht. "Aber das ist mir auch egal." Wichtig ist ihm, dass die Mediziner der Region in ihren Praxen zumindest keinen Wahlkampf gegen die Linkspartei betreiben. Sagt´s und packt nach fünf Stunden am Berliner Platz wieder zusammen.

Frank Spieth (Die Linke)

Frank Spieth (62) zog 2005 auf der offenen Liste der Linkspartei/PDS in den Deutschen Bundestag ein. Der gebürtige Wetzlarer ist gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Von 1992 bis 2006 war der gelernte Technische Zeichner Chef des DGB in Thüringen. 37 Jahre lang war Spieth Mitglied der SPD, ehe er 2003 aus Protest gegen die Agenda 2010 austrat.

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