Ärzte Zeitung, 25.09.2009

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Henke gegen Schmidt: Gewinnen, aber fair

Wahlkampf pikant: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt will zum vierten Mal in Folge ihren Aachener Wahlkreis für die SPD gewinnen. Ihr schärfster Konkurrent ist der Chef des Marburger Bundes, Rudolf Henke.

Von Christiane Badenberg

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Kritischer Blick: Ulla Schmidt und Rudolf Henke im Wahlkampf.

Foto: Jaspers

AACHEN. Der Wahlkreis 088 ist hart umkämpft, denn beide Kandidaten der großen Parteien haben nahezu gleich gute Chancen ihn zu gewinnen. Also müsste es ein Duell geben, bei dem die Fetzen fliegen, als die Konkurrenten bei einer Podiumsdiskussion der Aachener Zeitung aufeinander treffen. Und dann ist es vor etwa 200 Zuhörern im Veranstaltungssaal der Aachener Erholungsgesellschaft fast so wie zwischen Steinmeier und Merkel. Respektvoll im Umgang, von hoher Sachkenntnis geprägt, durchaus spannend, aber eben keineswegs hitzig. Die Rede ist von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, die für die SPD antritt, und dem Vorsitzenden des Marburger Bundes Rudolf Henke, der für die CDU in den Bundestag will.

"Das dümmste wäre doch, wenn ich Ulla Schmidt frontal für ihre bisherige Politik angreifen würde, denn dann könnte sie jedesmal antworten: Aber Ihre Kanzlerin hat doch zugestimmt. Und mir wäre der Wind aus den Segeln genommen. Außerdem habe ich Respekt vor ihr", sagt Rudolf Henke und es klingt glaubwürdig. "Sie hat es noch als Rentenexpertin der SPD geschafft ihre Fraktion von der Riester-Rente, also einem privaten Vorsorgemodell, zu überzeugen. Außerdem hat sie zum ersten Mal seit 1992 durchgesetzt, dass die Vergütung der ärztlichen Leistungen sich nicht mehr an der Grundlohnsummenentwicklung orientiert, sondern an der Morbidität", würdigt Henke. "Das heißt, es steht mehr Geld für die Ärzte zur Verfügung und die Verteilung orientiert sich am Versorgungsbedarf. Das übersehen viele und das ist nicht fair."

Vielleicht beurteilt der 55 Jahre alte Internist die Arbeit der Ministerin differenzierter, weil er als langjähriger Landtagsabgeordneter und Berufspolitiker weiß, wie schwer es ist Kompromisse zu finden, die alle Seiten halbwegs zufrieden stellen. Zudem ist er als Gewerkschaftsvorsitzender in manchen Punkten der Sozialdemokratin sicher näher als manchen Parteifreunden.

Aber auch wenn er seine Kontrahentin schätzt, kämpft er mit vollem Einsatz um das Mandat. Er hat im Gegensatz zu Ulla Schmidt, die auf Platz vier der Landesliste abgesichert ist, nur eine Chance in den Bundestag einzuziehen, wenn er den Wahlkreis 088 direkt gewinnt. Bei den vergangenen drei Bundestagswahlen hat allerdings Ulla Schmidt den Wahlkreis für die SPD geholt. 2005 lag sie 1,4 Prozent, etwa 2000 Stimmen, vor ihrem CDU-Gegenkandidaten Marcel Philipp. Also hat Henke eine realistische Chance, zumal die sogenannte Dienstwagenaffäre die Ministerin vielleicht doch die eine oder andere Stimme kosten könnte.

Wer den MB-Chef nur von den großen Versammlungen seines Verbandes oder von den Ärztetagen kennt, wo er sich bei Reden manchmal in Details und langen Sätzen verliert, ist über seine Wandlung im Wahlkampf erstaunt. Nach dem Ende der Podiumsdiskussion erblickt er einen Streifenwagen vor der Tür, an dem zwei Polizisten lehnen. Zielstrebig geht er auf die beiden zu, gibt ihnen die Hand, stellt sich vor: "Ich bin Rudolf Henke ihr CDU-Kandidat für den Bundestag". Er bedankt sich bei den zweien für ihre Arbeit. Als die Polizisten leicht verlegen wirken schiebt Henke verständnisvoll nach: "Ich weiß, sie sind nicht wegen mir, sondern wegen der Lady hier, aber trotzdem." Die beiden bestätigen seine Vermutung und, das sieht man ihnen an, sie freuen sich über die Aufmerksamkeit.

Für Henke kommt es auf jede Stimme an und deshalb geht er in die Offensive. Auf dem Weg durch die Aachener Innenstadt sucht er immer wieder den Kontakt zu Menschen, die an dem lauen Spätsommerabend vor den Cafés sitzen. Er stellt sich vor und verteilt seine Visitenkarte. Die potenziellen Wähler reagieren freundlich und Henke scheint das Wahlkämpfen Spaß zu machen. Anregungen seiner Töchter vor dem Auftritt bei der Aachener Zeitung hat Henke dankbar angenommen. Die Devise heißt: keine Bandwurmsätze und mehr lächeln. Und er hält sich daran. Zwar wirkt Ulla Schmidt, die zunächst etwas müde in den Saal starrt, dann aber plötzlich in Fahrt kommt, lebhaft, quirlig und sie lacht oft herzhaft. Aber verstecken muss Henke sich mit seiner etwas ruhigeren Art hinter ihr nicht. Sie verkörpert eher die rheinische Frohnatur, er den etwas gemütlicheren Rheinländer. Doch beide vermitteln, trotz jahrelangen politischen Engagements, nicht das Bild vom verbissenen Politfunktionär.

Glaubt man den Slogans auf ihren Wahlplakaten, ist sie die "Die richtige für Aachen", er will "Mehr Aachen in Berlin". Vielleicht reicht es ja am Sonntag für beide gesundheitspolitischen Schwergewichte. Freuen würde sich dann aber nur einer richtig: der direkt gewählte Rudolf Henke.

Rudolf Henke (CDU)

Seit 14 Jahren sitzt Rudolf Henke bereits für die CDU im nordrhein-westfälischen Landtag, seit 2005 ist er dort stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Um den Einzug in den Bundestag kämpft der Vater von vier Töchtern im Alter zwischen 16 und 24 Jahren erstmals. Vorsitzender des Marburger Bundes will er auch bleiben, wenn er das Bundestagsmandat gewinnen sollte.

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