Ärzte Zeitung, 28.09.2009

Freier Zugang zum Arzt - in Deutschland funktioniert‘s

Von Ilse Schlingensiepen

Eine neue Studie zeigt: Es gibt in unserem Land keine Barrieren für Menschen aus unteren sozialen Schichten, wenn sie Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen wollen.

KÖLN. Die Schichtzugehörigkeit spielt in Deutschland keine Rolle dafür, ob Patienten die Leistungen von niedergelassenen Ärzten in Anspruch nehmen. Unterschiede gibt es allerdings bei der Auswahl der Ärzte: Personen aus höheren Schichten gehen eher zum Facharzt, bei den unteren Schichten steht der Hausarzt im Vordergrund. Das zeigt die Untersuchung "Ausmaß und Gründe für Ungleichheiten der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland" des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Kölner Universitätsklinik (IGKE). "Wir haben in Deutschland kein Zugangsproblem beim Arztbesuch", nennt Studienleiter Dr. Markus Lüngen ein zentrales Ergebnis. "Die unteren sozialen Schichtern werden offensichtlich nicht vom Gang zum Arzt abgehalten", sagt Lüngen der "Ärzte Zeitung".

In der von der Hans-Böckler-Stiftung und der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung finanzierten Studie haben die IGKE-Wissenschaftler Daten aus dem TNS Healthcare Panel analysiert. Die Erhebung umfasst für das Jahr 2002 Angaben von mehr als 75 000 Personen und für 2006 von rund 60 000 Personen, unter anderem zu Morbidität, Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen und Lebensstil. Die Daten bieten keine Grundlage für Aussagen zu Versorgungsqualität und Lebensqualität, betont Lüngen.

Acht Arztbesuche pro Jahr

Auf den ersten Blick gehen Patienten aus der - nach Einkommen, Bildung und Beruf - unteren Schicht mit durchschnittlich acht Besuchen pro Jahr häufiger zum Arzt als Personen aus der oberen Schicht, die sechs Mal die Praxis eines Niedergelassenen aufsuchen. Bezieht man das Alter und die Krankheitslast in die Analyse ein, sieht die Sache schon ganz anders aus. Nach den standardisierten Werten suchen die unteren Schichten im Durchschnitt 6,7 Mal im Jahr den Arzt auf, die oberen 6,4 Mal.

Einen deutlichen Unterschied gibt es allerdings bei der Art der Inanspruchnahme: Die unteren Schichten gehen 3,9 Mal zum Haus- und 2,8 Mal zum Facharzt, die Privilegierteren je 3,2 Mal zu beiden. "Bei unterstellten gleichen Erkrankungen und gleicher Altersstruktur werden insbesondere Facharztbesuche von Personen aus höheren Schichten, von privat Versicherten und Personen mit hohem Berufsstatus überproportional in Anspruch genommen", resümiert das IGKE.

Eine Chance für Prävention

Die Tatsache, dass gerade Patienten aus den unteren Schichten vermehrt zum Hausarzt gehen, sollte als Hebel für die Förderung von Prävention und gesundheitsförderlichem Verhalten genutzt werden, empfehlen die Wissenschaftler. Sowohl bei der Teilnahmerate an Vorsorgeuntersuchungen als auch beim gesundheitsbezogenen Verhalten weisen Personen aus den unteren Schichten schlechtere Werte aus. "Zur Stärkung der Eigenverantwortung der Beteiligten sollten verstärkt Informationen über Risiken gegeben und effektive Maßnahmen zur Vermeidung von gesundheitsgefährdendem Verhalten gegeben werden", heißt es in der Studie. Nach Einschätzung der Autoren haben solche Initiativen gute Erfolgsaussichten, wenn die Hausärzte eine zentrale Rolle spielen. "Hausärzte weisen eine hohe Reputation auf, sind kompetent in der Verbreitung von Präventionsmaßnahmen und können Strategien außerhalb des Gesundheitswesens unterstützen."

Die Untersuchung untermauert diese positive Einschätzung mit Daten. So werden Krebsvorsorgeprogramme in den unteren Schichten deutlich weniger wahrgenommen. Bei der Darmkrebsvorsorge ist die Inanspruchnahme 42 Prozent geringer als bei den oberen Schichten, beim Hautkrebs 55 Prozent, beim Prostatakrebs 45 Prozent und beim Brustkrebs 15 Prozent. "Auffallend ist, dass häufig vom Hausarzt initiierte Programme, etwa der allgemeine Check-up, weniger Unterversorgung bei den unteren sozialen Schichten aufweisen", schreiben die Autoren. Allerdings sei die Inanspruchnahme mit acht Prozent beim Check-up und sechs Prozent bei der Diabetes-Früherkennung immer noch niedriger. Die Untersuchung zeigt nach Einschätzung von IGKE-Leiter Lüngen deutlich, dass die Ursachen für die Unterschiede außerhalb des Gesundheitssystems liegen. " Die Ungleichheiten werden nicht durch das Gesundheitswesen hervorgerufen oder beeinflusst, sondern durch viele Faktoren außerhalb des Gesundheitswesens." Eine zentrale Rolle spiele dabei Bildung, sagt Lüngen.

www.igke.de/SGMG.

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