Ärzte Zeitung online, 20.11.2009

Aus "Bürgerpflicht" für strenges Rauchverbot in Bayern

MÜNCHEN (dpa). Bayerns Nichtraucher schlagen zurück im ewigen Kampf um das Rauchverbot. Schon vor dem offiziellen Start der Eintragungsfrist für das Volksbegehren "Für echten Nichtraucherschutz" hat sich am Donnerstagmorgen eine lange Schlange vor dem Münchner Rathaus gebildet.

"Dieser Andrang ist ja wunderbar", freut sich Edith von Welser-Ude, die Frau von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). "Es ist erstaunlich, dass es so viele Nichtraucher gibt", wundert sich ein älterer Herr, der mit seinem Gehwagen geduldig vor den noch geschlossenen Türen ausharrt.

Ziel des Volksbegehrens ist ein generelles Rauchverbot in Gaststätten - und zwar ohne irgendwelche Ausnahmen. Bayerns Landtag hatte erst im Juli mit der Mehrheit von CSU und FDP eine Lockerung des Rauchverbots beschlossen. Seither darf unter anderem in Nebenräumen von Gaststätten wieder gequalmt werden.

Vor allem Rentner sind es, die mit ihrer Unterschrift ein strengeres Rauchverbot erreichen wollen - aus unterschiedlichen Gründen. "Wenn ich im Gourmet-Tempel sitze und mein Tischnachbar hat eine Zigarette in der Goschn - da hat man doch keinen Geschmack mehr", meint ein 73-Jähriger. Der 65-jährige Peter Seebeck denkt globaler und schätzt, dass weltweit täglich 20 Milliarden Zigaretten geraucht werden: "Und dieses ganze Zeug, das CO2, steigt in den Himmel rauf und keine alte Sau, kein Politiker oder Umweltschützer, sagt etwas dazu. Da krieg ich eine Wut", redet er sich in Rage. Doch das Schlagwort vom aggressiven Nichtraucher findet er unangebracht. "Wer erschlägt da wen? Wenn man jemanden bittet, nicht zu rauchen, kriegt man eins über die Rübe", sagt Seebeck.

Das Auftauchen einer jungen Blondine in den Reihen der Rentner veranlasst einen älteren Unterzeichner zu dem erfreuten Ausruf: "Was, hier gibt es eine junge Dame? Ja Wahnsinn". Die 24-jährige Marietta Kling trägt sich in die Liste ein, weil sie nach dem Ausgehen nicht mehr wie ein Aschenbecher riechen will. "Immer muss ich danach duschen, weil sonst sogar die komplette Bettwäsche stinkt", sagt die Nichtraucherin. Sie glaubt nicht, dass noch viele Jüngere bei der Unterschriftenaktion mitmachen werden. "Ich denke nicht, dass es sie interessiert", meint sie.

Der 23-jährige BWL-Student Martin Chojnicki sieht das anders: "Fast alle meine Freunde werden in den nächsten Tagen hier vorbeikommen und unterschreiben." Auch auf Facebook und anderen Community-Seiten im Internet hätten sich Nichtraucherschutz-Gruppen gebildet, die ihre Mitglieder für das Volksbegehren mobilisieren wollen.

940 000 Unterschriften braucht es in Bayern, damit über ein strengeres Rauchverbot abgestimmt wird - auch Tobias Rüther hofft sehr, dass es klappt. "Immer, wenn der Nichtraucherschutz durch neue Gesetze verbessert wird, kommen noch mehr Nikotinabhängige zu mir, die entwöhnt werden wollen", sagt der Leiter der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit in der Münchner Uniklinik. Nach seinen Schätzungen gäbe es in Bayern durch ein strengeres Rauchverbot fünf Prozent weniger Raucher.

"Jeden Tag sterben in Deutschland so viele Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, wie in eine Boeing 747 passen", sagt Rüther. "Für mich ist es deshalb eine erste Bürgerpflicht, sich für das Volksbegehren einzusetzen."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zahl der Behandlungsfehler stagniert

"Fehler passieren, auch in der Medizin. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten durch einen Behandlungsfehler zu Schaden kommen, ist extrem gering." So lautete das Fazit von Dr. Andreas Crusius bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik. mehr »

Naturvolk mit erstaunlich gesunden Gefäßen

In einer geradezu heroischen Studie haben US-Forscher Eingeborene der Amazonas-Region zur Calcium-Score-Messung in einen CT-Scanner geschoben. Noch nie wurde ein Volk mit so gesunden Arterien beschrieben. mehr »

Dann ist ein Hausbesuch abrechenbar

Die vollständige und vor allem korrekte Abrechnung der so genannten Leichenschau stellt Ärzte immer wieder vor Probleme. Beispielsweise stellt sich die Frage nach der eigenständigen Berechnung des Hausbesuchs. mehr »