Ärzte Zeitung, 25.11.2009

Obst für 36 Euro pro Kind ist vielen Bundesländern zu teuer

Täglich Obst in die Schulen: Für ein EU-Programm müsste jedes Bundesland zwei Millionen Euro zahlen - doch einige Länder sehen sich nicht in der Lage, die Summe aufzubringen. Pädiater und Wissenschaftler kritisieren das heftig.

Von Rebecca Beerheide

Obst für 36 Euro pro Kind ist vielen Bundesländern zu teuer

Obstschälen in der Klasse fördert die Gemeinschaft und verbessert die Ernährung in der Grundschule. Einige Länder wollen kein Obst anbieten.

Foto: dpa

200 bis 230 Gramm Obst und Gemüse täglich - das sehen die Verzehrempfehlungen des Forschungsinstitutes für Kinderernährung in Dortmund vor. Dass dies nicht der Realität der Ernährung der Fünf- bis Zehnjährigen in Deutschland entspricht, können Pädiater täglich in ihrer Praxis sehen. Die Benachteiligung von Kindern gerade aus sozial schwachen Familien beim Verzehr von Obst soll ein Schulobst-Programm der EU lindern. Das Europäische Parlament und auch die EU-Agrarminister beschlossen das Projekt, das vorsieht, jährlich 90 Millionen Euro für frisches Obst in den Grundschulen bereitzustellen. Aus dem Topf bekommt Deutschland rund 20 Millionen Euro - wenn sich die für Bildung zuständigen Bundesländer mit dem gleichen Betrag beteiligen.

Doch danach sieht es im Moment nicht aus. Zwar hat der Bundesrat nach langem Streit im September dieses Jahres beschlossen, an dem Programm grundsätzlich teilzunehmen - doch einige Länder haben ihre Teilnahme inzwischen wieder abgesagt. Grund: Den Landeshaushalten fehle das Geld. Nach Berechnungen der TU Dortmund kann man mit etwa 36 Euro pro Kind und Schuljahr dafür sorgen, dass es täglich Obst in der Grundschule gibt.

Deutliche Absagen gibt es aus Sachsen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Hessen. Im hessischen Landtag gab es vergangene Woche zu dem Thema eine kontroverse Debatte. Eigentlich hatte sich die schwarz-gelbe Landesregierung dafür ausgesprochen, die CDU-Fraktion im Landtag blockiert aber die Ausgaben von 1,2 Millionen Euro pro Jahr.

Nach aktuellem Stand sind in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen die Planungen für den Start des EU-Programms spätestens zum Schuljahresbeginn im September 2010 auf einem guten Weg. Im Saarland ist das Programm schon gestartet worden. Die Länder Rheinland-Pfalz, Hamburg und Sachsen-Anhalt prüfen, ob sie in das Förderprogramm einsteigen. In Brandenburg gibt es noch kein Votum, ebenso wie in Thüringen, auch Schleswig-Holstein prüft die Teilnahme. Bremen setzt ein eigenes Programm auf. In Bayern und Baden-Württemberg sollen Sponsoren das Obst mitfinanzieren. Das Land Berlin teilte zur Absage an das Programm mit, dass es bereits die Schulverpflegung mitfinanziere. In Nordrhein-Westfalen stehe die Finanzierung bereits. Gut vier Millionen Euro stehen von Land und EU zur Verfügung.

"Hier wird wieder bei den Schwächsten der Schwachen gespart", sagt Dr. Ulrich Fegerle, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Dass einige Länder das EU-Programm nun nicht umsetzen wollen, weil Geld in den Landeshaushalten dafür fehle, nennt er "schäbig". Es sei doch eine kleine Geste besonders an die Kinder, die eine schlechte Ernährung von zu Hause erhalten. "Je älter die Kinder werden, desto weniger gelingt es ihnen, den Teufelskreis aus falscher Ernährung, mangelnder Bewegung und Übergewicht zu durchbrechen", so Fegeler. Zwar sei das Programm nur ein "Tröpfchen auf den heißen Stein", aber immerhin ein Anfang.

So ein Tropfen ist zum Beispiel das Pilotprojekt "Besser essen. Mehr bewegen" in Dortmund. Hier wird für etwa 28 Euro pro Schuljahr und Kind jeden Tag zum gemeinsamen Frühstück Obst zubereitet - und zwar von den Kindern selbst. Sie schneiden die Äpfel und Möhren in mundgerechte Stücke. "Kinder essen Obst eher, wenn es bereits klein geschnitten ist", sagt Professor Günter Eissing, Ernährungswissenschaftler an der TU Dortmund und Leiter des Projektes im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Rund 100 Gramm Obst stehen im Durchschnitt täglich bereit. Die teilnehmenden Grundschulen liegen meist in Stadtteilen, in denen sozial Schwache wohnen.

Seine Studie belegt auch, dass das gemeinsame Obstschneiden zur Gemeinschaftsbildung beiträgt. Auch steigere sich das Selbstwertgefühl der Schüler deutlich: "Viele wissen in der vierten Klasse bereits, dass sie die Schwächsten sind. Wenn sie merken, dass sie durch den Obstdienst etwas zur Klassengemeinschaft beitragen können, steigt das Selbstbewusstsein deutlich an", so Eissing.

Natürlich sei das Schulobst-Programm zunächst nur ein kleiner Schritt. "Wenn die Kinder das Verhalten, Obst zu essen, habitualisieren, dann kann mit der Zeit eine Änderung der Verhältnisse eintreten", sagt Eissing.

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