Ärzte Zeitung online, 28.12.2009

Mannheims "Blaue Briefe" gegen Suff erfolgreich

MANNHEIM (dpa). Im Kampf gegen das "Koma-Saufen" von Jugendlichen verschickt Mannheim seit mehr als einem Jahr "Blaue Briefe". Aus Sicht von Gesundheits- und Jugenddezernentin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) ist es ein erfolgreiches und europaweit einzigartiges Modellprojekt.

"Befragungen von Eltern zeigen, dass sie größtenteils den Alkoholkonsum ihres Kindes falsch einschätzen", sagte Warminski-Leitheußer in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Das bestätigt mich darin, dass wir die Eltern darauf aufmerksam machen müssen, was ihr Kind treibt." Ziel der "Elternbriefe Alkohol" ist der Dialog statt Repression. "Die Eltern einfach zu bestrafen, ist sinnlos", sagte Warminski-Leitheußer.

"Im Zweifel haben sie selbst Alkoholprobleme - oder aber sie stehen selbst verzweifelt und ohnmächtig dem Verhalten ihres Kindes gegenüber und brauchen Hilfe", sagte die Politikerin. Wird in Mannheim ein Jugendlicher betrunken von der Polizei aufgegriffen, werde er nach Hause gebracht. Kurz darauf flattert der Brief vom Jugendamt ins Haus. "Wir gehen davon aus, dass es bei Eltern, die sich kümmern, Eindruck macht, wenn das Kind von der Polizei nach Hause gebracht wird", sagte Warminski-Leitheußer.

In dem Brieftext erfahren die Eltern, dass und wo ihr Kind betrunken aufgegriffen wurde. Sie werden aufgefordert, mit dem Nachwuchs zu reden. Ferner gibt es eine Broschüre mit den Namen von Ansprechpartnern.

Bislang wurden im Rahmen des bundesweit einzigartigen Projekts knapp 90 "Blaue Briefe" an Eltern verschickt. Ein Kind wurde nach Angaben von Warminski-Leitheußer bereits zum vierten Mal betrunken aufgegriffen. Da gab es keinen Brief mehr - stattdessen wurde der zuständige Sozialarbeiter informiert. Auch in einigen anderen, wenngleich wenigen Fällen gab es Jugendliche, die wiederholt auffielen. Nach Angaben der Dezernentin waren unter allen diesen Jugendlichen mehr als zwei Drittel männlich.

"Ich habe eigentlich höhere Zahlen erwartet", sagte Warminski-Leitheußer. Allerdings habe es auch keine gezielten Kontrollen gegeben bei größeren Feiern, beispielsweise zum Schuljahresende, wo es häufig zum Alkoholmissbrauch von Kindern und Jugendlichen komme.

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