Ärzte Zeitung online, 26.02.2010

Philipp Rösler beim Krebskongress: Es geht nicht nur um Kostensenkung

BERLIN (dpa). Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler hat eine harte Woche hinter sich. Doch bei seinem Auftritt beim Krebskongress in Berlin versucht der Minister nicht weiter Öl ins Feuer des Koalitionsstreits zu gießen. Er setzt andere Akzente.

Philipp Rösler beim Krebskongress: Es geht nicht nur um Kostensenkung

Eigentlich sind jetzt Zahlen gefragt. Seit Tagen wird das Gesundheitsministerium immer stärker bedrängt. Die Frage ist, wie Ressortchef Philipp Rösler (FDP) den Koalitionskrach um die Gesundheitspauschale lösen will, wie hoch der Sozialausgleich sein soll und was das für den Steuerzahler heißt. Von der Antwort hängt der grundsätzliche Regierungskurs im Bereich Gesundheit ab. Da passt es gut, dass Rösler bei seinem ersten großen Auftritt nach Einsetzung einer Reformkommission "etwas Grundsätzliches zur Gesundheitspolitik" sagen will.

Rösler steht am Donnerstagabend bei einer Festveranstaltung zum Deutschen Krebskongress in einem sehr noblen und sehr großen Atrium an Berlins Prachtmeile Unter den Linden. Die Crème der deutschen Krebsmedizin sitzt an weiß eingedeckten Tischen. Wenige Stunden zuvor hat CSU-Chef Horst Seehofer Zahlen genannt: 21 Milliarden Euro würden die Rösler-Pläne kosten. Auch wenn die FDP die Münchner Rechnung umgehend zurückwies - klar ist, dass Seehofer Rösler nicht machen lassen will. Die Zweifel an einer Reform à la Rösler wachsen.

Doch der junge Minister gibt sich unbeeindruckt. "Wenn man sich dann immer nur wieder Zahlen anguckt, über Zahlen diskutiert, über Zahlen debattiert und streitet, läuft man Gefahr, die Menschen, die dahinterstehen, zu vergessen", sagt er, ohne direkt auf Seehofer einzugehen.

Der 37-Jährige zeigt sich besorgt über den konfliktreichen Politikprozess. Zwar gehörten Meinungsäußerungen von Politikern und Interessenvertretern dazu. Aber: "In der Diskussion läuft man allzu häufig Gefahr gerade in der Gesundheitspolitik, das eigentliche Ziel von Gesundheitspolitik gänzlich aus dem Auge zu verlieren", meint er. "Manchmal ist Streit auch schlichtweg Selbstzweck."

Rösler stellt sich das Ganze wohl ein bisschen anders vor. Er erzählt von seinem Medizinstudium. Sein erster Patient hatte Lungenkrebs. Er bekennt: "Ich habe in der Tat Angst, dass ich eines Tages dann mal vor meinem Arzt sitze, der mir dann die Diagnose eröffnet, dass ich Krebs habe." Die Ängste der Menschen möchte er ernst nehmen. Rösler hört sich jetzt nicht an wie ein Minister für einen Bereich, in dem dreistellige Milliardenbeträge fließen. Er hört sich an wie Deutschlands oberster Arzt.

Er sagt: "Alle Felder müssen im Gesamtzusammenhang diskutiert werden." Die Zahl von 450 000 neuen Krebsfällen im Jahr zeige die Notwendigkeit, die bestmögliche Versorgung zu organisieren. Neue Therapien seien nötig, eine hohe Qualität, stärkere Vorsorge und Früherkennung. "Es geht nicht nur darum: Wie kann man die steigenden Kosten in den Griff bekommen?"

Rösler ist ein netter Mann, bescheinigt man ihm selbst in der CSU. Nur Recht habe er nicht mit seinen Reformplänen. Er ist auch schon auf die Nase gefallen mit Äußerungen, etwa als er im Fernsehen arglose Andeutungen über ein mögliches Ausscheiden aus dem Amt machte. Leicht kokett erzählt er jetzt von seinen Erfahrungen: "Man lernt dann, auch als junger Politiker: Man muss allzu häufig Recht haben." Ab dem 17. März verhandelt Rösler in der Regierungskommission mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und sechs weiteren Ministern über die Reform. Dann wird sich zeigen, ob er oder seine Kritiker Recht behalten.

Lesen Sie dazu auch:
Mit Nationalem Krebsplan für eine bessere Versorgung

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »