Ärzte Zeitung, 04.03.2010

Fluglärmstudie sorgt für ordentlich Krach

Der Rhein-Sieg-Kreis hält eine Studie zu den Auswirkungen des Fluglärms rund um den Köln-Bonner-Flughafen unter Verschluss. Begründung: Die Arbeit des Gutachters sei mangelhaft. Dieser hat das Studienhonorar zurückgezahlt und will die Ergebnisse selbst veröffentlichen.

Schlechte Arbeit oder politisches Ränkespiel? - Fluglärmstudie sorgt für ordentlich Krach

Mehr Krebs durch Fluglärm? Statistisch könnte das so sein. © Oskar / fotolia.com

Von Friederike Krieger

Der Rhein-Sieg-Kreis konkretisiert seine Kritik an der Fluglärm-Studie des Bremer Epidemiologen Professor Eberhard Greiser. Erich Klemme, Leiter des Gesundheitsamts des Kreises, bemängelt die Methodik der Untersuchung und hält die Ergebnisse für stark erklärungsbedürftig. Um die Greiser-Studie ist in der vergangenen Woche ein Streit entbrannt. Weil der Siegburger Landrat Frithjof Kühn die Untersuchung seit zehn Monaten unter Verschluss hält, kündigte Greiser seinen Vertrag mit dem Kreis.

Der Rhein-Sieg-Kreis liegt in der Einflugschneise des Flughafens Köln-Bonn. Greiser hatte Krankenhausentlassungsdaten von mehr als einer Million Versicherten aus der Stadt Köln, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Rheinisch-Bergischen Kreis im Hinblick auf Krebserkrankungen ausgewertet. Er stellte ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko bei Frauen fest, die nächtlichem Fluglärm ausgesetzt sind. Im April 2009 legte Greiser den Abschlussbericht vor - und wartet seitdem vergeblich auf eine Veröffentlichung.

Gesundheitsamtsleiter Klemme, der die Studie im Auftrag des Kreises betreut, hat fachliche Zweifel. "Die Klinikentlassungsdaten wurden zu Abrechnungszwecken erstellt und lassen sich ohne weiteres nicht für eine epidemiologische Untersuchung nutzen", sagt er. Es sei etwa denkbar, dass die Abrechnungsdaten einer Patientin zwar eine Untersuchung auf ein Mammakarzinom ausweisen, sich diese Diagnose aber nicht bewahrheitet hat. "Greiser hat auch nicht erfasst, wie lange die untersuchten Versicherten schon in der lärmbelasteten Region leben", sagt Klemme. Es könne sein, dass sie schon krebskrank waren, bevor sie dorthin gezogen sind. Unklar sei auch, wie viel vom Fluglärm bei den Menschen wirklich ankomme.

Darüber hinaus bedürfe der Hauptbefund - das erhöhte Krebsrisiko bei Frauen - weiterer Erklärungen.

Eine andere Studie zum Fluglärm im Umfeld des Amsterdamer Flughafens hätte auch eine erhöhte Krebsrate festgestellt, aber in höherem Maße bei Männern als bei Frauen. "Die Veröffentlichung einer Studie, die mit so vielen Fragezeichen behaftet ist, können wir nicht vertreten", sagt Klemme.

Greiser bestreitet nicht, dass es viele Änderungswünsche von Seiten des Kreises gegeben habe. Doch diese Wünsche hätten oft nicht ergebnisrelevanten Bereichen der Studie gegolten. "Das brachte der Studie keinen Zugewinn", sagt Greiser. Als er für die zusätzliche Arbeit mehr Geld haben wollte, hätte der Kreis auf stur gestellt. "Da habe ich beschlossen: Mir reicht's", sagt Greiser. Er hält sein Studien-Design für über alle Zweifel erhaben. Auch das Umweltbundesamt (UBA), für das er eine Studie über die Auswirkungen von Fluglärm auf Herzkreislauferkrankungen angefertigt hat, habe nichts auszusetzen gehabt. Die Untersuchung folgt der gleichen Methodik.

"Professor Greiser hat schon häufig Studien für uns angefertigt", sagt UBA-Sprecher Martin Ittershagen. "An seiner Methodik haben wir keine Zweifel." Die Studie über Herzkreislauferkrankungen hat das UBA am Montag auf seiner Internetseite veröffentlicht. Greiser vermutet politische Querelen. Während die Stadt Siegburg für ein Nachtflugverbot am Flughafen Köln-Bonn kämpft und Klage gegen die Verlängerung der Nachtflugerlaubnis eingereicht hat, wäre der Kreis dem Flughafen durchaus zugetan. Die Stadt Siegburg hatte Greiser im August 2009 zu einer Präsentation seiner vorläufigen Ergebnisse ins Stadtmuseum eingeladen. Dort hatte er den Siegburger Bürgermeister Franz Huhn (CDU) gebeten, mit dem Landrat Kühn (CDU) über eine Veröffentlichung zu sprechen. Das habe zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Politikern geführt, meint er.

"Ich lasse mir meine abgesicherten Ergebnisse aber nicht verbieten, weil sich zwei CDU-Männer streiten", sagt Greiser. Inzwischen habe er den Vertrag mit dem Kreis gekündigt und die Forschungsgelder in Höhe von 10 000 Euro zurückgezahlt. Greiser will die Studie nun selbst veröffentlichen.

Gefragter Gutachter

Über die Auswirkungen des Fluglärms hat in dieser Woche auch der Umweltausschuss des Bundestages diskutiert. Grundlage war auch hier eine Studie des Bremer Epidemiologen Professor Eberhard Greiser. Im Auftrag des Umweltbundesamtes hatte er die Studie "Risikofaktor nächtlicher Fluglärm" erstellt. Greiser hatte untersucht, ob Fluglärm zu ernsthaften Erkrankungen wie zum Beispiel Schlaganfällen führen kann. Dazu hatte er die Fluglärmdaten des Jahres 2004 und die Daten von etwa einer Million Versicherter acht gesetzlicher Krankenkassen ausgewertet. Dabei wurden die Fluglärmdaten mit den Adressdaten der Versicherten verglichen. Greisers Ergebnis: Nächtlicher Fluglärm erhöht das Risiko für Schlaganfälle und koronare Herzkrankheiten.

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