Ärzte Zeitung, 23.03.2010
Die moderne Arbeitswelt fordert ihren Tribut
Zeitdruck, Verantwortung und komplexe Aufgaben können
Arbeitnehmer auf Dauer krank machen. Vor allem dann, wenn die
Tätigkeit nicht wertgeschätzt wird - davor warnt die
Bundespsychotherapeutenkammer.
Von Sunna Gieseke

Der Druck wächst: Immer mehr Arbeitnehmer
werden durch die Belastung am Arbeitsplatz psychisch krank. ©
INSADCO / imago
BERLIN. Die Arbeitswelt ist in den letzten 20 Jahren
komplexer geworden. Aber nicht alle Arbeitgeber haben sich auch darauf
eingestellt - und verlangen von ihren Arbeitnehmern, dass sie teilweise
ohne Pause komplexe Aufgaben mit viel Verantwortung erledigen.
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnte in Berlin davor,
dass dies zu seelischen Belastungen - und immer häufiger auch zu
psychischen Erkrankungen - führen kann. Eine Studie der BPtK
belegt, dass Arbeitnehmer immer häufiger aufgrund von psychischen
Erkrankungen arbeitsunfähig sind. "Erwerbestätige entwickeln
überdurchschnittlich häufig bei der Kombination aus hohen
Anforderungen und geringem Einfluss auf den Arbeitsprozess psychische
Erkrankungen", betonte Richter. Es sei besonders problematisch, wenn
ein gravierendes Ungleichgewicht zwischen dem Einsatz im Beruf
("Verausgabung") sowie Entlohnung und Anerkennung bestehe. Dabei sei
das Gehalt nur ein Faktor, wichtig sei vor allem die Wertschätzung
der Person, aber auch Aufstiegschancen sowie die Sicherheit des
Arbeitsplatzes.
Der Arbeitnehmer dürfe vor allem nicht das Gefühl haben,
dass die Arbeitsprozesse sich seiner Steuerung entziehen. "Mitarbeiter
im Callcentern setzen sich zum Beispiel im Minutentakt mit
unzufriedenen Kunden auseinander", so Richter. Das ständige
Gefühl nichts daran ändern und den von außen gesetzten
Anforderungen nicht gerecht werden zu können, machten krank.
Psychisch gesund bleibe derjenige, der das Gefühl habe, Einfluss
auf seine Tätigkeitsabläufe zu haben und sein Arbeitseinsatz
angemessen honoriert werde - durch Anerkennung, aber auch
Vergütung.
"Arbeitnehmer in Deutschland erkranken am häufigsten an
Depressionen", sagte Thomas Bär, Wissenschaftlicher Referent der
BPtK. Depressionen verursachten eine längere Krankschreibung als
bei anderen psychischen Erkrankungen und zögen hohe
volkswirtschaftliche Kosten nach sich. Ein depressiv Erkrankter fehle
etwa 35 bis 50 Tage am Arbeitsplatz. Problematisch sei, dass trotz
öffentlicher Debatten depressive Erkrankungen für Patienten
immer noch ein Stigma sind. "Für die wirksame Therapie einer
Depression ist es entscheidend, dass sie frühzeitig erkannt wird",
so BPtK-Chef Richter. Die Nationale Versorgungsleitlinie empfehle, dass
Patienten mit Depressionen auch psychotherapeutisch behandelt werden.
"Psychotherapie ist anhaltend und wirkt längerfristig ", betonte
Richter.
Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die deutsche Krankheit

Weitere Beiträge