Freitag, 10. Februar 2012
Ärzte Zeitung, 23.03.2010

Die moderne Arbeitswelt fordert ihren Tribut

Zeitdruck, Verantwortung und komplexe Aufgaben können Arbeitnehmer auf Dauer krank machen. Vor allem dann, wenn die Tätigkeit nicht wertgeschätzt wird - davor warnt die Bundespsychotherapeutenkammer.

Von Sunna Gieseke

Die moderne Arbeitswelt fordert ihren Tribut

Der Druck wächst: Immer mehr Arbeitnehmer werden durch die Belastung am Arbeitsplatz psychisch krank. © INSADCO / imago

BERLIN. Die Arbeitswelt ist in den letzten 20 Jahren komplexer geworden. Aber nicht alle Arbeitgeber haben sich auch darauf eingestellt - und verlangen von ihren Arbeitnehmern, dass sie teilweise ohne Pause komplexe Aufgaben mit viel Verantwortung erledigen.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnte in Berlin davor, dass dies zu seelischen Belastungen - und immer häufiger auch zu psychischen Erkrankungen - führen kann. Eine Studie der BPtK belegt, dass Arbeitnehmer immer häufiger aufgrund von psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig sind. "Erwerbestätige entwickeln überdurchschnittlich häufig bei der Kombination aus hohen Anforderungen und geringem Einfluss auf den Arbeitsprozess psychische Erkrankungen", betonte Richter. Es sei besonders problematisch, wenn ein gravierendes Ungleichgewicht zwischen dem Einsatz im Beruf ("Verausgabung") sowie Entlohnung und Anerkennung bestehe. Dabei sei das Gehalt nur ein Faktor, wichtig sei vor allem die Wertschätzung der Person, aber auch Aufstiegschancen sowie die Sicherheit des Arbeitsplatzes.

Der Arbeitnehmer dürfe vor allem nicht das Gefühl haben, dass die Arbeitsprozesse sich seiner Steuerung entziehen. "Mitarbeiter im Callcentern setzen sich zum Beispiel im Minutentakt mit unzufriedenen Kunden auseinander", so Richter. Das ständige Gefühl nichts daran ändern und den von außen gesetzten Anforderungen nicht gerecht werden zu können, machten krank. Psychisch gesund bleibe derjenige, der das Gefühl habe, Einfluss auf seine Tätigkeitsabläufe zu haben und sein Arbeitseinsatz angemessen honoriert werde - durch Anerkennung, aber auch Vergütung.

"Arbeitnehmer in Deutschland erkranken am häufigsten an Depressionen", sagte Thomas Bär, Wissenschaftlicher Referent der BPtK. Depressionen verursachten eine längere Krankschreibung als bei anderen psychischen Erkrankungen und zögen hohe volkswirtschaftliche Kosten nach sich. Ein depressiv Erkrankter fehle etwa 35 bis 50 Tage am Arbeitsplatz. Problematisch sei, dass trotz öffentlicher Debatten depressive Erkrankungen für Patienten immer noch ein Stigma sind. "Für die wirksame Therapie einer Depression ist es entscheidend, dass sie frühzeitig erkannt wird", so BPtK-Chef Richter. Die Nationale Versorgungsleitlinie empfehle, dass Patienten mit Depressionen auch psychotherapeutisch behandelt werden. "Psychotherapie ist anhaltend und wirkt längerfristig ", betonte Richter.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die deutsche Krankheit

| Share

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Top-Meldungen

Niederländische Ärzte sehen Sterbehilfe-Teams kritisch

Weiter Aufregung um die geplanten mobilen Sterbehilfe-Teams in den Niederlanden: Nun meldet sich die größte Ärztevereinigung Hollands zu Wort - und äußert Bedenken. Sie fürchtet unabsehbare Folgen für das Arzt-Patienten-Verhältnis. mehr »

Bremer Frühchen-Skandal: Ärzte verweigern Aussage

Ein Untersuchungs­ausschuss soll aufklären, wie es zur tödlichen Infektionswelle auf der Frühchenstation des Bremer Klinikums Mitte gekommen ist. Doch das wird dem Gremium nicht leicht gemacht: Der frühere Chefarzt sowie vier als Zeugen geladene Oberärzte verweigerten die Aussage. mehr »

Klärt das Internet auf - oder verwirrt es?

Wie relevant ist das Web für Patienten? Fast unumgänglich, um Informationen zu bekommen, sagen die Kassen. Es gibt aber auch ganz andere Stimmen. mehr »