Kongress, 05.05.2010

Never ending Story - der Streit um Prävention

Never ending Story - der Streit um Prävention

Prävention? Kaum ein Politiker wagt es, ihre Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung in Frage zu stellen. Ein parteiübergeifender Konsens allerdings, wie Prävention eine gesellschaftliche Wirkung entfalten könnte, ist nicht zu erkennen.

Von Christoph Fuhr

Never ending Story - der Streit um Prävention

Die Politik eiert herum, an der Basis funktioniert’s: Modellprojekt zur Prävention von Übergewicht bei Kindern. © Wegst

Wirklich überraschend kam die Entscheidung nicht: Die Bundesregierung hat im März klargestellt, dass das lange heftig umstrittene Präventionsgesetz in der schwarz-gelben Koalition keine Chance hat. Es wird nicht realisiert.

Bereits 2005, damals noch unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, war ein rot-grüner Entwurf für ein Präventionsgesetz vorgelegt worden. Das ehrgeizige Ziel: Prävention sollte neben der Akutbehandlung, der Pflege und der Rehabilitation als vierte Säule im Gesundheitssystem etabliert werden. Doch dazu kam es nicht. Im Bundesrat fand sich keine Mehrheit für das rot-grüne Projekt, und in der danach folgenden großen Koalition blockierte die Union eine Neuauflage des Gesetzesvorhabens.

Vorsorgeforschung wird stärker gefördert

Daniel Bahr (FDP), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, hat jetzt klargestellt, dass das Gesetz zwar vom Tisch ist, die schwarz-gelbe Koalition das Projekt Prävention aber nicht aufs Abstellgleis schieben will. Die Bundesregierung hat danach die Absicht, alle relevanten Akteure der Prävention und Gesundheitsförderung in eine umfassende Strategie einzubinden. Dabei sollen bestehende Strukturen und Programme genutzt werden.

Bahr kündigte zum Beispiel eine stärkere Förderung der Vorsorgeforschung an. Ab 2012 soll eine groß angelegte epidemiologische Studie gestartet werden, die die Zusammenhänge von Ernährung, Verhalten, Umwelt und Krankheitsentwicklung aufdeckt. Zur Überprüfung von Präventionsstrategien im drogen- und suchtpolitischen Bereich sollen darüber hinaus Untersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beitragen.

Für die SPD ist das vorgestellte Konzept zu dünn. Alle schwarz-gelben Lippenbekenntnisse zur Stärkung der gesundheitlichen Prävention seien hinfällig, hieß es. Die Bundesregierung glänze im Bereich der gesundheitlichen Prävention schlicht und ergreifend mit Tatenlosigkeit.

Die Diskussion über den Sinn von Prävention geht derweil weiter. Und immer wieder - wie etwa vor kurzem beim Forum "Gesundheitspiazza" im österreichischen Bregenz - wird die Frage nach den Kosten in den Fokus gerückt. Können mit Hilfe der Prävention tatsächlich Kosten im Gesundheitswesen gesenkt werden? DAK-Chef Herbert Rebscher äußerte Zweifel. Aus Sicht der Kassen sei es zwar durchaus legitim, die Eintrittswahrscheinlichkeit von teuren Krankheiten möglichst hinauszuzögern. Es mache aber wenig Sinn, den ökonomischen Nutzen von Prävention zu berechnen.

Die Barmer-GEK-Chefin Birgit Fischer hatte vor kurzem beim Auftakt der Aktion "Deutschland bewegt sich" vorgerechnet, dass sich zumindest Folgen von Bewegungsmangel und Fehlernährung sehr konkret darstellen lassen: Danach kostet ein 50-jähriger gesunder Mann die Kasse durchschnittlich 312 Euro im Jahr. Für einen gleichaltrigen Typ-2-Diabetiker mit Begleiterkrankungen der Nieren, Nerven, Augen und Gefäße fallen rund rund 20 000 Euro an, sagte Fischer. Patienten mit chronischen Krankheiten verursachten fast 100 Milliarden der jährlich 236 Milliarden Euro Krankheitskosten in Deutschland, so Fischer. Zu wenig Bewegung und falsche Ernährung steigerten das Risiko deutlich, chronisch zu erkranken

Immer wieder wird bei politischen Diskussionen über Prävention deutlich, dass Bildung der Schlüssel für einen gesunden Lebensstil ist. Dass es hier dringend Handlungsbedarf mit Blick auf Chancengleicheit von Kindern und Jugendlichen gibt, darüber sind sich Experten einig. Die Entwicklung des Gesundheitsstatus von sozial und ökonomisch benachteiligten Menschen ist besorgniserregend, sagen Kritiker. In hohem Maße betroffen sind vor allem Kinder, bei denen sich familiäre und soziale Risiken kumulieren: Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern, Bildungs- und Ausbildungsdefizite.

Erfolgreiche Initiativen an der Basis

Auch wenn die Politik sich mit handfesten Entscheidungen zur Prävention weiter schwertut: An der Basis ist in den vergangenen Jahren viel in Bewegung geraten. So gibt es zum Beispiel in immer mehr Kindergärten und Schulen Projekte, um verstärkt auch Kinder aus sozialen Randgruppen möglichst früh für eine gesunde Ernährung zu sensibilisieren. Fakt ist aber auch: Ohne Unterstützung der politischen Entscheidungsträger werden diese Initiativen keine gesellschaftliche Durchschlagskraft haben.

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