Ärzte Zeitung, 11.06.2010

Palliativversorgung in Südsachsen funktioniert

Chronische Schmerzpatienten und Schwerstkranke am Lebensende finden in der Region Chemnitz/Stollberg ein dicht geknüpftes Versorgungsnetz.

Von Brigitte Düring

Palliativversorgung in Südsachsen funktioniert

Entwickelte vor mehr als 15 Jahren ein Konzept, das schrittweise umgesetzt wurde: Chefarzt Dr. Uwe Richter.

© dür

CHEMNITZ. Kein Lichtblick bei der Umsetzung der Spezialisierten Ambulanten Palllativversorgung (SAPV)? Es gibt Ausnahmen! In der Region Chemnitz/Stolberg etwa ist über Jahre ein umfassendes und sektorenübergreifendes Versorgungskonzept aufgebaut worden, von dem auch SAPV-Patienten profitieren.

Im letzten Jahr wurden dort etwa 330 Patienten stationär behandelt und 234 Schwerstkranke in ihrer letzten Lebensphase betreut. Fast 90 Prozent dieser Patienten leiden an fortgeschrittenen Tumorerkrankungen, bei etwa zehn Prozent stehen weit fortgeschrittene neurologische oder internistische Erkrankungen im Vordergrund.

Hinzu kommen pro Jahr etwa 300 stationär und 130 tagesstationär im DRK-Krankenhaus behandelte Schmerzpatienten sowie etwa 2500 ambulante Patienten im Quartal, die das Medizinische Versorgungszentrum für Spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin aufsuchen.

Das Konzept entwickelte Dr. Uwe Richter, Leiter des ambulanten und stationären Schmerz- und Palliativzentrums am DRK-Krankenhaus Chemnitz, bereits Anfang der 90er Jahre und setzte es schrittweise um. "Alles begann im Oktober 1991 mit der Ermächtigung für eine Schmerzsprechstunde", erinnert sich Richter. 1994 folgte die Einrichtung der Tagesklinik, heute mit zwölf Behandlungsplätzen, 1996 die Station für Schmerztherapie mit jetzt 14 Betten und 2007 wurde die Palliativstation mit elf Betten eröffnet.

Mit der Niederlassung von Richter im Jahr 2001 konnte die ambulante Versorgung weiter ausgebaut werden. Er blieb jedoch Chefarzt der Klinik für Schmerztherapie und Palliativmedizin. "Für mich war die Sektor übergreifende Behandlung aus einer Hand entscheidend", erklärt der Facharzt für Anästhesiologie, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin. 2007 gründete er mit Dr. Margret Wolfram, ebenfalls Fachärztin für Anästhesiologie, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin, das MVZ.

Hier sind sieben Ärzte der Fachrichtungen Anästhesie, rehabilitative Medizin, Innere Medizin/Onkologie und Neurologie tätig. "Aus dem Bedürfnis unserer Patienten nach umfassender Versorgung zu Hause bis zum Lebensende entwickelte sich das Palliativprojekt Chemnitz mit vier Ärzten, einer Case-Managerin und drei Brückenteams mit je vier Schwestern", erzählt er.

Palliativversorgung in Südsachsen funktioniert

Anlaufstelle für schwerstkranke Patienten: das Schmerz- und Palliativzentrum mit Praxen für Niedergelassene in Chemnitz.

© dür

Alle ambulanten und stationären Einrichtungen zusammen bilden das Schmerz- und Palliativzentrum am DRK-Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein.

Ein Novum: die gemeinsame Zertifizierung der verschiedenen Versorgungsebenen bei unterschiedlichen Trägern (Krankenhaus und niedergelassene Ärzte) nach DIN EN 9001:2000, freut sich Richter.Eine neue Herausforderung für das Team stellt die Eröffnung der Palliativ-Wohngemeinschaft in Chemnitz dar. Diese ist für alleinstehende schwerstkranke Menschen gedacht, die Gemeinschaft wünschen und sich allein in ihrer Wohnung aufgrund der fortgeschrittenen Erkrankung überfordert fühlen.

Das Zentrum kooperiert eng mit Haus- und Fachärzten, allen stationären Einrichtungen, dem stationären Hospiz Chemnitz, den ambulanten Hospiz- und Pflegediensten der Region, niedergelassenen Psychologen und Seelsorgern. "Je mehr man sich mit den Bedürfnissen der Betroffenen auseinandersetzt, desto mehr begreift man, dass eine optimale Versorgung nur interdisziplinär möglich ist und wir einzeln schnell an Grenzen stoßen, unterstreichen Richter und Dr. Sylvia Schneider, leitende Oberärztin der Schmerz- und Palliativklinik. Ergänzend zu den schulmedizinischen Therapien umfasst der ganzheitliche Ansatz des Zentrums eine breite Palette naturheilkundlicher Verfahren.

Das Team ermöglicht jetzt rund 75 Prozent der sterbenden Patienten ein Lebensende zu Hause, berichtet die für die SAPV verantwortliche Brückenärztin Dr. Sabine Neser. "Vorher starben drei Viertel dieser Menschen im Krankenhaus und nur ein Viertel zu Hause", sagt sie. Eine überaus positive Entwicklung. Auch ein großer Teil der Patienten der Palliativstation konnten mit Hilfe der Brückenversorgung, den Hausärzten und den regional tätigen Diensten zu Hause betreut werden.

Trotz der mit dieser Versorgungsform verbundenen Kosteneinsparung war es schwierig, für die SAPV-Leistungen der speziell ausgebildeten Brückenteams eine betriebswirtschaftlich akzeptable Vergütung zu vereinbaren.

Der MVZ-Chef ist erleichtert, die von Richter für das Chemnitzer Zentrum offengelegte Kalkulation brachte jetzt ein positives Ergebnis: "Mit der in der letzten Maiwoche erreichten Einigung mit den Krankenkassen ist ein Erhalt der aufgebauten Strukturen und vor allem die weitere Betreuung unserer schwerkranken Patienten und ihrer Angehörigen möglich."

Palliativmedizin in der Region Chemnitz/Stollberg

Seit April 2007 haben Patienten einen Anspruch auf eine hochwertige palliativmedizinische ambulante und stationäre Versorgung. Für Palliativ-Projekt Chemnitz erklärt Case-Managerin Antje Fiedler die Versorgungskette: Patient X, 65 Jahre alt, an fortgeschrittenem Dickdarmkrebs erkrankt, kann keine weitere Chemotherapie bekommen. Wegen heftiger Schmerzen rief seine Frau nachts den Notarzt, der das Brückenteam informiert. Das leitete vor Ort eine Schmerzbehandlung ein. Die Ehefrau war so beunruhigt und aufgeregt, dass der Patient auf die Palliativstation aufgenommen wurde. Beide werden psychologisch betreut.
Das Brückenteam prüft mit Psychologe und Hausarzt, ob die häusliche Situation stabil genug für die Rückkehr des Patienten ist. Häufig gelinge es, Familienangehörige so zu unterstützen, dass Schwerstkranke länger zu Hause bleiben können. (dür)

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