Ärzte Zeitung, 14.06.2010

Gespaltenes Bewusstsein bei Innovationen

Fortschritte beim Kampf gegen Krebs oder Alzheimer - ja, bitte und rasch! Aber Freiheit, Wettbewerb, Chance und Risiko als Humus für die Entstehung von Innovationen - da stehen die Deutschen eher auf dem Schlauch. Die Meinungsforscher von Allensbach haben ein gespaltenes Bewusstsein diagnostiziert.

Von Helmut Laschet

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Die Bedeutung der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für gute Forschung wird kaum erkannt.

BERLIN. Alles, was wächst, muss gefördert werden. Ein eindeutiges Bekenntnis der Politik bei einem jüngst vom Bundesgesundheitsministerium veranstalteten Gesundheitswirtschaftskongress. Beim Schnüren des Sparpakets vor einer Woche hielt die Koalition denn auch Kurs: Bildung, Wissenschaft und Forschung bleiben vom Rotstift verschont - die Budgets steigen wie geplant.

Mit einer Ausnahme: Angesichts eines erwarteten GKV-Defizits von elf Milliarden Euro schneidet der Gesetzgeber dort am tiefsten, wo die Gesundheitsbranche derzeit das höchste Wachstum erreicht - bei innovativen Arzneimitteln. Neben den um zehn Prozent erhöhten Zwangsrabatt will der Gesetzgeber für die Erstattung neuer Arzneimittel strikte Grenzen setzen - auf Basis einer Schnellbewertung des Nutzens und durch Festlegung von Höchsterstattungen durch ein Kassenmonopol.

Dass Wirtschafts-, Forschungs- und Krankenkassenpolitik an dieser Stelle von einem logischen Bruch durchzogen sind, will im politischen Berlin niemand mehr sehen: Politiker aller Farben haben im Wachstum der Arzneiinnovationen den Teufel ausgemacht, den es nun auszutreiben gilt. Verbündete gegen die Sparpolitik findet die betroffene Industrie nicht.

Das scheint zunächst frappierend angesichts der Wertschätzung, die medizinische Innovation in der Gesellschaft genießt. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat dabei eine merkwürdige Bewussteinspaltung in der deutschen Gesellschaft ausgemacht.

Generell gilt: Forschung, Spitzentechnologie und Innovation haben mit 70 bis 90 Prozent hohe Sympathiewerte. Sie sind assoziiert mit Erfindung, Zukunft, Fortschritt, Chancen und neuen Arbeitsplätzen. Generell werden auch mehr Chancen als Risiken gesehen, vor allem in gebildeten Schichten.

Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach Fortschritten in der Medizin: 95 Prozent halten dies für wünschenswert bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen Krebs, 87 Prozent bei Arzneien gegen Arthrose, Osteoporose und Alzheimer.

51 Prozent der über 16-Jährigen sind am Thema Arzneimittelforschung interessiert oder sogar sehr interessiert, Desinteresse bekunden nur neun Prozent. 75 Prozent sagen, die Pharmabranche gebe besonders viel Geld für Forschung aus - ein Spitzenwert im Vergleich aller Branchen. Zwei Drittel sagen, die Pharmabranche biete besonders viele qualifizierte Arbeitsplätze, ebenfalls Spitze. 86 Prozent der Deutschen glauben, dass eine starke Pharma-Industrie für die wirtschaftliche Zukunft Deutschland wichtig sei.

Doch obgleich Forschung und ihr Erfolg dringend gewünscht sind - vielen Bürgern fehlt das Verständnis dafür, in welchem kulturellen Umfeld Innovation gedeiht. Gute Wissenschaftler, hohe Investitionen, Qualität der Bildung - das wird noch gut erkannt. Aber, so Allensbach-Chefin Renate Köcher: die Offenheit der Gesellschaft für Fortschritt, Freiheit der Forschung, die Bedeutung des Imports ausländischer Wissenschaftler und der Wettbewerb in der Forschung und zwischen Hochschulen als Rahmenbedingungen für erfolgreiche Forschungsanstrengungen sind stark unterbewertet.

Das Selbstbild der Deutschen - ihre Stärke im internationalen Vergleich - ist durch drei Merkmale charakterisiert, wie Allensbach herausgefunden hat: die Qualität deutscher Produkte ("made in Germany"), deutsche Autos im Besonderen und durch die soziale Absicherung. Weit abgeschlagen spielt die Stärke der deutschen Forschung und das System der sozialen Marktwirtschaft eine untergeordnete Rolle.

Es scheint ausgeprägt hedonistische Züge in der deutschen Gesellschaft zu geben. Ein Indiz dafür ist das dramatisch sinkende Interesse der jüngeren Generation (19- bis 29-Jährige) an Politik, Wissenschaft und Forschung: In den letzten elf Jahren hat das Interesse an diesen Themengebieten bei den Jungen um ein Viertel abgenommen.

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