Ärzte Zeitung online, 03.08.2010

Mangelernährung in Heimen oft zu spät erkannt

Mangelernährung ist nicht nur ein Thema in unterentwickelten Ländern. In vielen Heimen in Deutschland werde die Gefahr nicht erkannt, so Ernährungsexperten. Sie beklagen Wissensdefizite bei vielen Ärzten.

Von Thomas Trappe

Mangelernährung in Heimen oft zu spät erkannt

Nur wenn Mangelernährung frühzeitig erkannt wird, kann ihr therapeutisch begegnet werden.

© dpa

LEIPZIG. Den geringen Stellenwert der Ernährungsmedizin hat Professor Cornel Sieber beklagt. Bei einem Symposium des Diätverbandes in Leipzig sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin, dass Mangelernährung in Pflegeheimen zu wenig bekannt sei.

Über 70 Prozent der Bewohner seien betroffen. "Und wenn sie dann evident wird, ist es oft schon zu spät, dass sich ethische Dilemmata auftun", erklärte Sieber bei einer Diskussion zwischen Ärzten und Ethikexperten zum Thema "Am Anfang zu wenig, am Ende zu viel? Ethik und künstliche Ernährung ein Widerspruch?".

Aus der Sicht von Seiber ist es für Ärzte besonders wichtig, dass sie Mangelernährung frühzeitig erkennen, weil ihr im fortgeschrittenen Stadium umso schwerer begegnet werden könne. Risikogruppen seien unter anderem Multimorbide und Depressive. Ganz kritisch sei es bei jenen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder aufgrund beginnender Demenz die Nahrungsaufnahme vernachlässigen.

In seiner beruflichen Praxis macht Professor Arved Weimann ähnliche Beobachtungen. Der Präsident der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und stellvertretende leitende Chefarzt des Klinikums Sankt Georg in Leipzig erklärte: "Am Anfang wird das krankheitsassoziierte Risiko gerade in der Geriatrie, Onkologie und Intensivmedizin oftmals nicht wahrgenommen, ein Gewichtsverlust nicht als Warnsignal erkannt."

Mit anderen Symposiumsteilnehmern war er sich einig, dass die Vorstellung von Mangelernährung auch bei Ärzten hierzulande geprägt sei "vom Hunger in der Dritten Welt" und der WHO-Definition des BMI. "Es ist gut durch Daten belegt, dass das metabolische Risiko früher einsetzt. Im DRG-System ist ein Patient jedoch erst beim Vorliegen der WHO-Definition abrechnungsrelevant mangelernährt", erklärte Weimann.

Die Frage der künstlichen Ernährung ist bei fortgeschrittener Mangelernährung dann meist genauso unausweichlich wie umstritten. Ethisch problematisch ist künstliche Ernährung dann, wenn es um unheilbar Kranke, Sterbende oder nicht mehr einwilligungsfähige Menschen geht.

Ob überhaupt und wann der Entschluss, nicht künstlich zu ernähren, gerechtfertigt ist, stellt Ärzte nicht nur vor Herausforderungen, sondern auch in ein Spannungsfeld mit Pflegekräften und Angehörigen. Christian Kolb, Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin, empfahl deshalb, vor Einsetzen der künstlichen Ernährung klare Ziele zu formulieren, um die Angehörigen die Angst zu nehmen, es werde damit das "Dahinvegetieren" eingeleitet. Wann künstliche Ernährung sinnloses Leid nur unnötig verlängert, konnte auch Kolb nicht eindeutig beantworten. Es komme auf den Einzelfall an.

Aus einem Einzelfall ist auch ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs ergangen. Das höchste deutsche Gericht hat den Patientenwillen am Ende des Lebens gestärkt. Im konkreten Fall ging es um die Frage, ob die künstliche Ernährung einer Patientin im Wachkoma beendet werden durfte.

[03.08.2010, 12:52:02]
Dirk Göbel 
Angelbliche Mangelernährung in Heimen
Ich habe die Erfahrung gemacht (in mehreren Heimen), daß die Bewohner eher zu- als abnehmen. Das hat mit der Regelmäßigkeit und der Menge der Mahlzeiten zu tun, außerdem wird sich weniger bewegt als zu Hause.
Defizite in der Nahrungsaufnahme gibt es eher im Krankenhaus bei alten Patienten. Gerade die, die aus Heimen kommen. Im Alters- bzw. Pflegeheim nimmt man sich die Zeit das Essen zu geben. Oft genug erlebt, daß Bewohner, die nicht mehr selbst essen können, im KH das Essen einfach ins Zimmer gestellt bekommen (tlw. bei immobilen Patienten nicht mal ans Bett, sondern auf den 3 m entfernten Tisch!) und dann nach 30 min wieder abgeräumt, mit der Bemerkung "ach, haben Sie nichts gegessen?"
Außerdem ist die Nahrungsaufnahme oft das einzigste, was diese Leute noch selbst bestimmen können. Und wenn jemand nicht mehr essen will, soll ihm/ihr sein Recht gegönnt werden. Menschen, die sich entschlossen haben, nichts mehr zu essen, haben auch kein Hungergefühl mehr, also ist es kein qualvolles Verhungern.
Ich empfehle jedem, der meint die Heime schlecht machen zu müssen, ein ausgiebiges Praktikum.
Und ich glaube auch nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe. zum Beitrag »

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