Ärzte Zeitung online, 09.08.2010

Reanimation oder nicht? Notarzt und Internist liefern sich handfesten Streit vor Krankenwagen

ALZEY (chb). Ein Notarzt und ein Dialysearzt wollen zur gleichen Zeit im Sinne ein und desselben Patienten handeln, doch für den Nephrologen Dr. Peter L. aus Alzey könnte sein Einsatz noch unangenehme Folgen haben. Ihm droht jetzt ein Verfahren wegen Beleidigung und Körperverletzung.

Reanimation oder nicht? Notarzt und Internist liefern sich handfesten Streit vor Krankenwagen

Notarzt gegen Internist - beiden ging es um den Patienten.

© flashpics / fotolia.com

Es ist Samstag der 31. Juli. In die Praxis von Dr. L. wird ein 81 Jahre alter Patient aus der Alzeyer Nervenklinik zur Dialyse gebracht. Dr. L. behandelt den moribunden Patienten bereits seit drei Wochen und sieht, wie sich der Zustand permanent verschlechtert.

Der Patient habe in dieser Zeit deutlich zu erkennen gegeben, dass er keine Transplantation und auch im Fall des Falles keine Reanimation wünsche, so Dr. L im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Der Patient sei beim Eintreffen in der Praxis schon nicht mehr ansprechbar gewesen, berichtet Dr. L., so dass er die Dialyse zunächst gar nicht beginnen wollte.

Dann habe er sich aber doch entschlossen, dem Patienten Flüssigkeit zuzuführen, allerdings nach zwei Stunden die Behandlung abgebrochen, "weil der Patient sterbend war". "Daraufhin haben wir einen Krankenwagen bestellt, damit der Patient zum Sterben zurück auf seine Station kommt", berichtet Dr. L. Der Patient sei dann aber schon im Krankenwagen gestorben.

"Er war tot, davon habe ich mich überzeugt", so Dr. L. Die Rettungsassistenten hätten dann angekündigt, einen Notarzt zu rufen. "Das können Sie machen, habe ich gesagt, aber der soll bitte ohne Blaulicht vorfahren und auch nicht versuchen, den Patienten zu reanimieren", schildert Dr. L. die Situation. Er sei dann wieder in seine Praxis gegangen.

Kurze Zeit später sei dann der Notarzt mit eingeschaltetem Martinshorn vorgefahren. Daraufhin sei er wieder zurück zum Krankenwagen gelaufen und habe gesehen, wie die beiden Rettungsassistenten versuchten, den Patienten zu reanimieren. Der Notarzt habe ihn vor dem Krankenwagen mit den Worten empfangen: "Sie haben hier gar nichts zu sagen", und habe ihn nicht zu seinem Patienten lassen wollen. Daraufhin habe ich ihm einen Stoß versetzt und bin in den Krankenwagen, "um diesen unsäglichen Aktionismus zu beenden", berichtet Dr. L.. "Ich habe den Sanitätern gesagt, dass sie aufhören sollen." "Ich war der einzige vor Ort, der wusste, worum es geht", schildert der Dialysearzt immer noch sichtlich aufgewühlt das Geschehen auf dem Parkplatz vor der Praxis in Alzey.

Notarzt Dr. Hans-Gerald F. hat seinen Kollegen bei der Bezirksärztekammer und bei der Polizei wegen Körperverletzung und Beleidigung angezeigt. Dr. L. gibt zu, Dr. F. im Eifer des Gefechts nahegelegt zu haben, sich einen anderen Beruf zu suchen.

Der Notarzt zeigt sich auch Tage nach dem Geschehen über den Einsatz seines Kollegen irritiert. "Normalerweise einigt man sich in so einem Fall problemlos auf eine palliativmedizinische Versorgung, aber ich bin ja noch nicht mal in den Wagen gekommen, weil mir der Kollege einen Bodycheck verpasst hat. Ich habe bis Mittwoch gewartet, ob sich Dr. L. bei mir meldet, um die Situation aufzuklären. Da nichts passiert ist, habe ich der Kripo die Vorwürfe bestätigt", berichtet Dr. F. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Lesen Sie dazu auch:
Gastbeitrag: Reanimation oder nicht - wer entscheidet?

[16.08.2010, 11:03:59]
Dr. Hans-Georg Hoppenrath 
Leichenschändung
Bei der Frage,Reanimation oder nicht,haben juristische Spitzfindigkeiten nichts zu suchen.Wenn offenbar der Tod als Endpunkt einer langen Krankheit eingetreten ist ("moribunder Patient"),kann eine Reanimation nur dazu führen,dass der Patient erneut stirbt.Es ist also eine absolut hirnlose Maßnahmen.- Vernunft ist auch am Ende des Lebens nicht verboten.
Wer in einem solchen Fall reanimiert,gehört wegen Leichenschändung und Störung der Totenruhe vor Gericht.

Dr.H.G. Hoppenrath
Buchenweg 13
66484 Großsteinhausen  zum Beitrag »
[14.08.2010, 19:32:03]
Jan Gregor Steenberg 
Antwort auf den Beitrag von Hr. Oswald
Sehr geehrter Herr Oswald,

Sie haben meinen Ansatz zu den sicheren Todeszeichen missverstanden. Ich habe dies im Allgemeinen gemeint und nicht auf den Beitrag bezogen.

Grds. gebe ich Ihnen recht, dass in der Präklinik keine anderen rechtlichen Grundlagen gelten, als in der Klinik. Aber dies ist ja auch nicht mein Ansatz gewesen. Ich habe lediglich die konkurrierenden Rechtsgüßter gegenübergestellt und aus der Sicht des Juristen argumentiert und dessen Aufgabe ist es nun einmal, den sichersten Weg vorzuschlagen. Und da hier ein Tötungsdelikt gegen eine Körperverletzung steht, ist der Ansatz kaum zu diskutieren.

Ich stimme Ihnen aber zu, dass im vorliegenden Fall das Personal des Rettungsdienstes sich nicht über mögliche Anweisungen anwesender Ärzte hinwegsetzen kann. Jedoch ist die Berichterstattung insoweit nicht eideutig (vegleicht man die diversen Artikel in der Tagespresse). Um eine genaue Aussage treffen zu können, wäre insoweit die Ermittlungsakte hilfreich, da wir bislang ja noch keinen stehenden Sachverhalt haben.

Wenn Sie sagen, dass hier die Rechtfertigungsgründe nicht hinreichend geprüft wurden, so möchte ich aber nochmals darauf hinweisen, dass zunächst "nur" paramedizinisches Personal im Rahmen des Rettungsdiensteinsatzes vor Ort war. Diesen steht (bis auf das Vorliegenden von sicheren Todeszeichen) aus rechtlicher Sicht nun nicht die Möglichkeit offen, darüber zu entscheiden, ob eine Reanimation begonnen werden soll oder nicht. Wie nun die Intervention des Nephrologen zu werten ist, entzieht sich unserer Kenntniss und insbesondere kann ich auch keine Auskunft darüber geben, wann es zum klinischen Tod des Patienten gekommen ist.

Ich habe Ihnen aber auch schon geschrieben, dass ich Ihre Meinung verstehe, sie sogar selber vertrete, aber hier eben aus juristischer Sicht argumentiere und solange der Gesetzgeber diesen Konflikt nicht erkennt und löst, gilt aus meiner Sicht eben das bereits diskutierte.

Meine Intetion war und ist es das Bewußtsein für die Probleme in der Präklinik zu schärfen, insoweit bin ich für diese Diskussion bereits sehr dankbar. Dass es in unseren Berufsbildern durchaus Kollegen gibt, die sich sehr wichtig nehmen stimmt, dies möchte ich jedoch nicht verallgemeinern.

Soweit wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende

Jan Gregor Steenberg zum Beitrag »
[11.08.2010, 19:13:37]
Christof Oswald 
Antwort auf Herrn RA Steenberg
Sehr geehrter Herr Steenberg,

Ihre Ausführungen führen zu dem Schluss, dass ein Notarzt immer reanimieren muss, weil der ja den Patienten nicht kennt. Dies ist, soweit mir bekannt, die allgemeine Auffassung fast aller Notfallmediziner im Außeneinsatz. Dennoch gibt es auch andere Ansätze, wie z.B. von Dr. Salomon (KH Lippe, Lemgo), der sogar eine Notfallpatientenverfügung entworfen hat. Mir sind selbst konkrete Fälle bekannt, bei denen Notärzte Reanimationen nicht mehr eingeleitet bzw. abgebrochen haben, nachdem sie weiterführenden Informationen z.B. durch den Hausarzt, Angehörige und Patientenverfügung erhalten haben. Hier wurde schlicht und ergreifend die Rechtfertigungsgründe (fehlende Einwilligung, fehlende Indikation) geprüft und beachtet.

Ich habe mich mit dem Hinweis auf die Rechtsprechung auf die BGH-Entscheide zur Patientenverfügung und zur Sterbehilfe bezogen. Wenn es für Sie notwendig erscheint die präklinische Notfallmedizin aus dem gegeben Rechtsrahnmen herauszulösen, bitte. Falls Sie der Auffassung sind, dass hierzu erst ein BGH-Urteil provoziert werden muss, bitte. Die Frage warum überhaupt ein Krankenwagen gerufen wurde ist berechtigt, hat mit der juristischen Bewertung aber nichts zu tun.

Ich bleibe dabei, dass es sich bei einem Krankenwagen, auch wenn Sie das anders sehen mögen, nicht um extrateritoreales Hoheitsgebiet handelt. Sie werden mir sicherlich nicht erklären wollen, dass unser Grundgesetz in einem Rettungswagen nicht mehr gilt. Somit hatte der Nephrologe als einziger anwesender Arzt durchaus das Recht und die Pflicht die Behandlung bzw. deren Unterlassung anzuordnen und zu verantworten. Das er nicht bei dem Verstorbenen geblieben ist bis sichere Todeszeichen eingetreten sind, wie Sie es nennen, diese treten u. U. erst nach Stunden ein, lässt sich wohl mit seiner Sorgfaltspflicht gegenüber seinen anderen noch lebenden Dialysepatienten erklären.

Ich möchte noch einmal betonen, dass eine exakte Bewertung des Falls aufgrund der lückenhaften Informationen unterbleiben muss. Eine grundsätzliche Pflicht zur Reanimation in der präklinischen Notfallmedizin - wie Sie es darstellen - möglicherweise in den Köpfen der Notfallmediziner und -sanitäter.

Wenn wir Heilenden und Rettenden uns nicht so schrecklich wichtig nehmen würden und den Patienten in den Vordergrund stellen würden, gäbe es manche Debatte nicht und viele fragwürdige Prozesse um medizinethische Fragen müssten nicht geführt werden. Für die lebhafte Auseinandersetzung bin ich dankbar und verbleibe

mit freundlichen Grüßen
Christof Oswald
selbst Retter zum Beitrag »
[10.08.2010, 22:04:20]
Jan Gregor Steenberg 
Antwort auf den Beitrag von Hr. Oswald
Sehr geehrter Herr Oswald,

ich kann Ihre Meinung durchaus nachvollziehen und ich respektiere sie auch. Dennoch möchte ich Sie darauf hinweisen, dass laut dem Bericht der Patient "im Rettungswagen" verstorben ist, somit das Personal des Rettungsdienstes bereits die Verantwortung für den Patienten übernommen hatte. Ich bin der letzte, der den Willen eines Patienten nicht achten würde, aber hier werden einfach die rechtlichen Vorgaben missachtet. Selbst eine vorliegende Patientenverfügung hat in der präklinischen Notfallmedizin nicht die Relevanz, wie sie es in der Klinik hat.

Inwieweit hier eine Weisungsgebundenheit seitens des Nephrologen anzunehmen ist, möchte ich stark in Zweifel ziehen. Offensichtlich hat es es nicht für geboten gehalten, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes abzuwarten.

Ich habe hier keinesfalls die Rechtslage nur einseitig betrachtet.
Der Patienwille ist mit Sicherheit zu respektieren, aber wie hätte Ihrer Meinung nach das Personal reagieren sollen?

Vielleicht veresetzen Sie sich einmal in die Lage einen Patienten innerhalb weniger Sekunden einschätzen zu müssen und die weitreichende Entscheidung zu fällen, ob Sie eine Reanimation beginnen oder nicht.
Im Gegensatz zur Klinik fehlt Ihnen in der Regel die komplette Anamnese, zumal hier nicht einmal eine schriftliche Patientenverfügung vorlag. Ich möchte auch in Zweifel ziehen, wie der Tod des Patienten seitens des Nephrologen diagnostiziert wurde.

Was hätten die Rettungsassistenten tun sollen, wenn der Patient während der Fahrt und nicht bereits an der Einsatzstelle verstorben wäre. Daran knüpft sich die Frage an, warum wurde bei einem "sterbenden Patienten" ein "Krankenwagen" gerufen. Die Indikation für einen Krankenwagen war hier nach keinem einzigen der 16 Landesrettungsdienstgesetze gegeben. Es muss weiter gefragt werden, warum wird überhaupt ein "Rettungsmittel" über die "Rettungsleitstelle" bestellt, wenn es nach Meinung des Nephrologen nichts mehr zu retten gibt? Hier spielt wieder die schon mehrfach angesprochene Unkenntniss der präklinischen Notfallmedizin eine ausgeprägte Rolle.

Meine juristische Einschätzung ist im Übrigen durchaus nachvollziehbar und geht nicht ins Leere. Als Berater im medizinischen Bereich ist es meine Aufgabe, meine Mandanten dahingehend zu beraten, dass sie sich unter anderem keiner strafrechtlichen Verfolgung aussetzen und in diesem Falle geht (insbesondere in der Präklinik) die Sicherheit des Personals vor und wie ich bereits geschrieben habe konkurieren hier die Delikte Körperverletzung (Reanimation gegen den Willen des Patienten) und fahrlässige Tötung durch Unterlassen (keine Reanimation) miteinander. In dieser Lage wird jeder bedachte juristische Berater den Rat erteilen im Zweifel mit einer Reanimation zu beginnen. Ich gebe Ihnen aber durchaus recht, dass dies in der Klinik gänzlich anders aussieht. In diesem Fall wäre mein Ratschlag mit Sicherheit auch ein anderer, aber für den konkreten Fall eines Todes im Rettungswagen, ist eine andere Sichtweise juristisch nicht vertretbar.

In Bezug auf die von Ihnen angeführte Rechtsprechung bin ich Ihnen dankbar dafür, wenn Sie mir eine entsprechende Fundstelle zitieren würden, die sich mit dieser Problematik in der präklinischen Notfallmedizin auseinandersetzt. Alle mir bekannten Urteile beziehen sich auf klinische Fälle. Nehmen Sie als Gegenbeispiel den noch beim BGH anhängigen Fall des beinahe Ertrunkenen Jungen (OLG München 1 U 4142/05). Hier wird der Gynäkologe wegen der bleibenden Hirnschäden des Kindes in Anspruch genommen, er hatte den Tod diagnostiziert, welcher jedoch nicht eingetreten war und das Kind konnte anschließend erfolgreich reanimiert werden. Ich verwehre mich dagegen in der Präklinik auch nur annähernd von einer Reanimation abzuraten, es sei denn es liegen sichere Todeszeichen vor, oder der Patient ist den behandelden Rettungsassistenten/Notärzten bekannt, aber selbst dann ist die Entscheidung keine Maßnahmen einzuleiten nicht mit rechtlicher Sicherheit zu bestimmen. Insoweit ist eine klare Trennung zwischen Klinik und Präklinik zu ziehen!

Ich kann mich aber Ihrem Vorschlag die Flasche Wein betreffend nur anschließen. Gerne unterbreite ich aber nochmals den Vorschlag, die Diskussion in einem offenen Gespräch und nicht in einem Schlagabtausch über Kommentare zu führen, da hier häufig Emotionen hochkochen (ich nehme mich da selber nicht aus), welche in einer Diskussion so vielleicht nicht aufkommen würden.

Es grüßt Sie freundlich

Jan Gregor Steenberg

 zum Beitrag »
[10.08.2010, 19:41:12]
Christof Oswald 
Wo bleibt die Frage nach dem Patientenwillen?
Bei allem Verständnis für persönliche Betroffenheiten, vermisse ich im Artikel, wie auch in den Kommentaren die Frage nach dem betroffenen Patienten und den Rechtfertigungsgründen für die Einleitung bzw. für die Unterlassung einer Reanimation.
1. Was wollte der Patient? Er hat, seine Einwilligungsfähigkeit vorausgesetzt, hierzu klar Stellung bezogen. Die Einwilligung für eine Reanimation wurde verweigert und hatte daher zu unterbleiben.
2. Die despektierliche Formulierung "ein moribunder Patient" lässt allerdings nur vermuten, dass auch keine medizinische Indikation für eine Wiederbelegung vorhanden war.
Zwischenfazit:
Die Reanimation war im Hinblick auf die Patientenautonomie zu unterlassen. Im Hinblick auf die medizinische Indikation kann keine sichere Aussage getroffen werden, dies ist aufgrund des Patientenwillens aber auch ohne Belang.

3. Der behandelnde Nephrologe hat den Abbruch und den Tod des Patienten erklärt. Die anwesenden Rettungssanitäter standen damit unter ärztlicher Fachaufsicht und waren weisungsgebunden. Das Herbeirufen des Notarztes mag gebräuchlich sein, medizinisch geboten war es jedenfalls nicht.

4. Die Rechtfertigung des Notarztes, er müsse reanimieren, weil der den Patienten nicht kenne, ist unhaltbar, weil ein ärztlicher Kollege, der über entsprechende Kenntnisse verfügte anwesend war. Die Bemerkung "Sie haben hier gar nichts zu sagen" war fehl am Platz. Aufgrund der bereits eingeleiteten Wiederbelebung durch die Sanitäter wäre auch Raum gewesen sich in aller Kürze auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Dies wurde sicherlich durch den aufgebrachten Nephrologen und seine Handlungsweise erschwert.

Fazit:
Eine Reanimation ist aufgrund des vorliegenden Patientenwillen nicht gerechtfertigt. Die verfassungsrechtlich garantierte Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit kann nicht durch die Pflicht zur Hilfeleistung außer Kraft gesetzt werden. Die juristische Bewertung von RA Steenberg geht somit ins Leere, weil er nur auf die handelnden Ärzte und nicht auf den zentral betroffenen Patienten abgestellt.
Ein gütliche Einigung der beiden Mediziner könnte vielleicht bei einer gemeinsam genossenen Flasche guten Rotweins gelingen. Dabei wäre dann auch Gelegenheit sich standesgemäß und reflektierend mit dem zurückliegenden Fall zu befassen und die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen.
Zuletzt hätte ich gerne gewusst ob der Patient letztendlich verstorben ist oder überlebt hat, denn schließlich war der doch die Hauptperson, oder?

Christof Oswald
Dipl. Pflegewirt (FH)
Leitung der Intensivstation und Mitglied des Etihkkreises
4. Medizinschen Klinik
Klinikum Nürnberg
christof.oswald@klinikum-nuernberg.de zum Beitrag »
[10.08.2010, 19:11:12]
Christof Oswald 
Wer steht eigentlich im Mittelpunkt?
Die Kommentare sind, wohl aus persönlichen Betroffenheiten, aus Sicht des Rettungsarztes bzw. des niedergelassenen Mediziners verfasst. Dafür habe ich Verständnis. Es ist sicher mehr als unglücklich, wenn sich Ärzte in die Wolle bekommen, doch auch dies ist ein Stück weit nachvollziehbar. Allerdings sollten wir uns alle, zuvorderst nicht fragen, wer von den beiden im Recht war, sondern zuerst einmal die Frage gefallen lassen:

"Was hätte bzw. hat der Patient gewollt?"

Dazu und zu weiteren wichtigen Fragen folgende Bewertung und abschließend ein Rat zur gütlichen Einigung im Fazit:

1. Die Antwort auf die Frage nach dem Patientenwillen erscheint mir, wenn man den Informationen des Artikels Glauben schenken darf, eindeutig. Der Patient wolle nicht mehr reanimiert werden. Hierbei setze ich die, vom Nephrologen zu prüfende Einwilligungsfähigkeit voraus. Wir können also festhalten, dass der Patient seine Einwilligung zur Reanimation eindeutig verweigert hat, die aufgrund dessen auch nicht durchgeführt werden durfte.

2. Die nächste Frage ist, war eine Reanimation medizinsch indiziert. Hierüber lässt sich aus den vorliegenden Informationen allerdings nur vermuten, dass dies aufgrund des moribunden Zustands des Patienten nicht der Fall war. Damit wäre eine Reanimation aus medizinischer Sicht nicht indiziert und damit wiederum zu unterlassen gewesen, allerdings nur vermutlich.

3. Als der Patient im Krankenwagen verstorben ist, war der Nephrologe zugegen und somit für die Behandlung bzw. für deren Unterlassung verantwortlich und somit standen auch die Sanitäter unter seiner Fachaufsicht und -verantwortung. Ein Herbeirufen des Notarztes war daher nicht mehr erforderlich. Ob das Rufen des Notarztes dennoch üblich ist, entzieht sich meiner Kenntnis, medizinisch oder juristisch notwendig war es keinesfalls.

4. Warum haben die Sanitäter entgegen der ärztlichen Anordnung des Nephrologen mit der Wiederbelebung begonnen? Ich kann nur spekulieren, ob dies über Funk vom Notarzt angeordnet worden ist. Dies bleibt in diesem Artikel leider völlig unbeleuchtet.

5. Schließlich kann ich nicht nachvollziehen, wie der Notarzt dazu kam den behandelnden Arzt, der den Patienten sicher besser und länger kannte als er selbst, mit einem "Sie haben hier gar nichts zu sagen" zu ingnorieren. Dies lässt sich auch nicht mit der Notfallsituation rechtfertigen. Schließlich hatte der Nephrologen den Patienten bereits für verstorben erklärt. Zudem wäre, in Anbetracht der bereits laufenden Wiederbelebung Raum gewesen, sich in aller Kürze auf ein gemeinsam abgestimmtes Vorgehen zu verständigen. Gerade weil der Notarzt den Patienten nicht kannte, wäre er dazu verpflichtet gewesen, den anderen Arzt einzubeziehen. Inwieweit ihm dies durch ein zu forsches Eingreifen des wütenden Nephrologen erschwert wurde bleibt offen und mag zum Misslingen der Situation beigetragen haben.

Fazit:
Mit Verlaub, die juristischen Bewertungen von Herrn RA Steenberg greifen hier eindeutig zu kurz. Grund dafür ist, dass re primär nur auf die Handelnden und nicht auf den Betroffenen abgestellt. Ein häufiger Missstand, der mir in meiner langjährigen medizinethischen Praxis immer wieder begegnet. Die Verfassungsgarantie zur Freiheit des Willens und der körperlichen Unversehrheit kann durch einen Verweis auf die Pflicht zur Hilfeleistung nicht außer Kraft gesetzt werden. Hierzu hat es in den vergangenen Jahren genügend höchstrichterliche Urteile gegeben.
Die Einwilligungsfähigkeit des Betroffenen vorausgesetzt, war die Einwilligung zur Reanimation nicht vorhanden. Dies zu beurteilen stand dem behandelnden Nephrologen und nicht dem hinzugerufenen Notarzt zu, der mit seinem Handeln die Autonomie des Patienten verletzt hat.
Schade finde ich die Auseinandersetzung zwischen den beiden Medizinern. Ich würde mich freuen, wenn diese beiden zu einer gütlichen Einigung kämen und vieleicht bei einer gemeinsam genossenen guten Flasche Rotwein, den Fall noch einmal reflektieren und für die Zukunft darauf ihre Schlüsse ziehen könnten. Dies hielte ich für standesgemäß und wäre sicherlich - und das ist doch die Hauptsache - im Sinne des Patienten.
Übrigens, lebt der Wiederbelebte eigentlich noch? Auch hierzu bleibt in diesem Artikel ein empfindliche Lücke. Vielleicht sollte sich auch der Verfassers des Artikels etwas mehr um den eigentlich Betroffenen kümmern. Schaden kann es jedenfalls nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Christof Oswald
Dipl. Pflegewirt (FH)
Leitung nephrologischen Intensiv
und MItglied des Ethikkreis
4. Medizinische Klinik
Klinikum Nürnberg
 zum Beitrag »
[10.08.2010, 12:04:46]
Jan Gregor Steenberg 
Sehr geehrter Herr Kubina, sehr geehrter Herr Dr. Löhmann
Ohne Ihnen nun zu nahe treten zu wollen spiegeln Sie genau meine oben angesprochene Unkenntniss der präklinischen Notfallmedizin wieder.
Es sind mit Sicherheit nicht die paramedizinischen Berufe, welche sich gegen die Kompetenz wehren auch eigene Entscheidungen treffen zu können, sondern es unter anderem Ihr Berufsstand, welcher für sich beansprucht, alle Entscheidungen in der Versorgung eines Patienten zu treffen (siehe Stellungsnahme der BÄK zur "Notkompetenz" der Rettugsassistenten). Daraus ergibt sich zwangsläufig die Konsequenz, dass das nichtärztliche Personal nach klaren Vorgaben zu arbeiten hat. Somit bleibt dem nicht-ärztlichen Personal keine andere Möglichkeit als zu handeln. Wenn Sie sich die Meinungen der Rechtsprechung und auch der juristischen Lehre zu einer gegenteiligen Auffassung ansehen, so werden Sie sehr schnell feststellen, dass es aus rein juristischer Sicht keine andere Möglichkeit gibt, als mit einer Reanimation zu beginnen.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz klar vor meine Kollegen im Rettungsdienst stellen!

Ich kann Ihre Argumentation in soweit auch nicht nachvollziehen, da es in der Vergangenheit durchaus viele Möglichkeiten gegeben hat, die Kompetenzen des paramedizinischen Personals zu erweitern und ihnen einen größeren Entscheidungsspielraum einzuräumen. Dies wurde aber insbesondere seitens der Ärzteschaft vehement abgelehnt.

Ich kann durchaus verstehen, dass Sie eine gewisse Abneigung gegen einige Kollegen im Rettungsdienst verspüren, da es durchaus - wie in jedem anderen Beruf auch - eine Anzahl von übermütigen und profilneurotischen Rettungsdienstlern gibt.

Ich kann Ihnen aber versichern, dass die meisten Rettungsassistenten durchaus eine fundierte Ausbildung durchlaufen haben und Ihre Maßnahmen und Ihre Einschätzung der Situation mit Bedacht wählen.

Wenn Sie mir gestatten, so möchte ich Ihnen aber auch gerne aufzeigen, dass es anders geht. Zwischenzeitlich bin ich rettungsdienstlich nur noch in der Schweiz und dort als Dipl. Rettungssanitäer HF tätig. Dort ist die Rechtslage insoweit anders, als dass dem paramedizinischen Personal deutlich mehr Kompetenzen zugesprochen werden (eigenverantworliche Gabe von Medikamenten inkl. BTM's etc.). Damit geht einher, dass der verantwortliche dipl. Rettungssanitäter HF durchaus eine Einschätzungsprärogative bezüglich einer Reanimation hat.

Ich möchte Sie einfach darauf hinweisen, dass die derzeitige Rechtslage zu einem Großteil auf Interventionen seitens der Ärzteschaft beruht (das muss jetzt ja nicht unbedingt schlecht sein), jedoch finde ich es unkollegial und auch ungerecht nun den Rettungsassistenten die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Ich bin aber sehr gerne bereit, diese Problematik gerne einmal in einem Gespräch zu diskutieren (insoweit der Hinweis an die Redaktion, ob diese Thematik nicht einmal Bestandteil einer Podiumsdiskussion sein sollte). Ich denke, dass nur eine Diskussion Sinn macht und insoweit es geboten ist, dies in einem sachlichen Rahmen zu diskutieren, so dass vielleicht alle Seiten ein Einsehen haben und im Ergebnis eine Verbesserung der Versorgung der Patienten dabei herauskommt.

Es grüßt sie freundlich aus Bellheim

Jan Gregor Steenberg, Rechtsanwalt zum Beitrag »
[10.08.2010, 10:25:02]
Jan Gregor Steenberg 
Kein Verständnis für die präklinische Notfallmedizin!
Sehr geehrte Damen und Herren,

so sehr ich auch das Einschreiten des Dr. L. persönlich verstehen kann, so möchte ich aber auch an sein Verständnis für das Personal in der präklinischen Notfallmedizin appelieren. Für die zunächst vor Ort eintreffenden Rettungsassistenten bietet sich das Bild eines reanimationspflichtigen Patienten, welchen sie persönlich nicht kennen.
Auf solche Fälle angesprochen empfehle ich dem Personal im Rettungsdienst stets mit einer Reanimation zu beginnen. Man muss sich nur über die Konsequenzen des Nichteinleitens solcher Maßnahmen im Klaren sein. Für das Personal stellt sich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn Sie keine Maßnahmen einleiten, so risikieren sie ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger, ggf. sogar vorsätzlicher Tötung durch Unterlassen (aufgrund der Garantenstellung und Garantenpflicht aus § 13 StGB). Beginnen Sie mit einer Reanimation, obwohl der Patient mittels einer Patientenverfügung solche eine Maßnahme nicht wünscht, so riskieren sie ein Ermittlungsverfahren wegen einer fahrlässigen ggf. auch vorsätzlichen Körperverletzung.
Da in der Notfallsituation keine Zeit ist (wir sprechen hier von einem Entscheidungszeitfenster von wenigen Sekunden), kann von den Rettungsassistenten nicht verlangt werden, eine Anamnese dahingehend zu erheben, ob eine Patientenverfügung vorliegt, bzw. ob diese rechtlich relevant ist.
Gleiches gilt für den Notarzt Dr. F. In meinen Augen hat er die einzig richtige Entscheidung getroffen. Wenn Hr. Dr. L. auch noch entsprechend ausfällig wird, so kann ich den Schritt von Dr. F. nur allzugut verstehen.
An diesem unschönen Beispiel zeigt sich einmal mehr, dass es ein großes Wissensdefizit im Bereich der präklinischen Notfallmedizin bei den niedergelassenen Ärzten gibt. Ich möchte behaupten, dass Dr. L. die Situation hätte entschärfen können, wenn er sich nur zuvor einmal Gedanken darüber gemacht hätte, welche Möglichkeiten den Rettungsassistenten und dem Notarzt bleiben, wenn sie zu einem offensichtlich reanimationspflichtigen Patienten gerufen werden, welchen sie nicht kennen.
Wie ich aber auch bereits gesagt habe, kann ich Dr. L durchaus verstehen. Aus meiner persönlichen Erfahrung in der präklinischen Notfallmedizin kenne ich genau diese Situationen und muss mich dennoch eindeutig auf die Seite des Rettungsdienstes und des Notarztes stellen.

Im Ergebnis wäre es vielleicht angebracht gewesen, sich nicht in der persönlichen Ehre als Arzt verletzt zu sehen, sondern in einem kurzen Vieraugen-Gespräch die Situation mit Dr. F. zu klären. Ich bin mir sicher, dass dieser die Situation entsprechend hätte werten können.

In der Hoffnung, durch diesen Artikel das Bewußtsein für die Probleme in der Präklinik ein wenig geschärft zu haben verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Jan Gregor Steenberg, Rechtsanwalt und Lehrrettungsassistent zum Beitrag »
[10.08.2010, 09:52:09]
Rudolf Kubina 
Übeltäter Rettungssanitäter
Das ist natürlich unglücklich gelaufen, moralisch-ethisch ist nätürlich der Dialysearzt im Recht, formaljuristisch der Notarzt - aber der wahre Übeltäter ist der Rettungssanitäter, der gegen Absprache/Anweisung des Dialysearztes gehandelt hat.
Mir persönlich ist ähnliches auch schon passiert, es wurde der Notarzt gerufen, obwohl es medizinisch nicht indiziert und von dem anwesenden Arzt (meine Person) nicht für notwendig erachtet wurde. In diesem Fall ging es auch nur um den Transport einer 92jährigen Patientin in ein nahegelegenes Krankenhaus, was mit dem dort tätigen Oberarzt schon tel. abgesprochen war - doch der RS von den Johannitern rief trotzdem den NA, der kam, sah, schüttelte nur den Kopf und verschwand wieder.
Anmaßung in höchster Potenz!! Von den überflüssigen Kosten ganz zu schweigen! zum Beitrag »
[10.08.2010, 09:02:11]
Dr. Dieter Löhmann 
sinnloser, schädlicher Aktionismus
Ich kann 100% verstehen, was im Kollg. Dr.L. vorging, als er das Vorgehen von Rettungssanitätern und Notarzt erleben musste. Hier in Südthüringen ist das auch häufig so, dass man als Hauarzt nur den Kopf schüttelt und "die Faust in der Tasche ballt", wenn man diese offensichtlich sinnlosen Aktionen erlebt. Gut, dass endlich mal einem Kollegen die Sicherung durchbrennt, vielleicht entwickelt sich mal eine Diskussion zum Thema. Diese Vorgehensweise dieser teilweise arroganten "Retter" bringt mich sogar hin und wieder zu der Frage: worum geht es hier denn eigentlich? Aktionismus, Angst vor dem Kadi, Besserwisserei, Geld? Ethik oder humanes Denken oft jedenfalls offensichtlich nicht, tut mir leid. zum Beitrag »

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