Ärzte Zeitung, 19.08.2010

Hintergrund

Kontroverse um Hausarzt-Verträge - wer ist der wahre Heilsbringer für die Allgemeinärzte?

Wer rettet die Zukunft der hausärztlichen Versorgung -die KBV oder der Hausärzteverband? Vor dem Hintergrund der Gesundheitsreform ist ein Machtkampf entbrannt, letztlich um ein Versorgungsmonopol.

Von Sunna Gieseke und Helmut Laschet

Kontroverse um Hausarzt-Verträge - wer ist der wahre Heilsbringer für die Allgemeinärzte?

David gegen Goliath: wer setzt sich durch im Machtkampf um die hausärztliche Versorgung?

© North Wind Picture Archives / akg

Die gemeinsame Sorge um eine sichere Hausarztversorgung in Zukunft führt zum Glaubenskrieg zwischen KBV und Hausärzteverband. Mit einem Datengewitter missionierte KBV-Chef Andreas Köhler gestern die Medien - nicht zuletzt, um den Gesetzgeber zugunsten seiner Organisation zu konditionieren.

Seine Botschaft: Die Hausärzte haben seit 2007 im Vergleich zu Fachärzten kräftig Honorar gewonnen. Das will der Hausärzteverband auf keinen Fall so stehen lassen: Immer noch lägen gerade die Allgemeinmediziner im unteren Drittel aller Fachgruppen. Vor allem ließen die Zahlen der KBV außer Acht, welche Arbeitslast die Hausärzte schultern müssten: in der Basisversorgung, vor allem in Notdiensten nach Feierabend, nachts und an Wochenenden.

Und: Die jetzt sichtbaren Erfolge für Hausärzte im Kollektivvertragssystem seien in der Vergangenheit nur durch harte Auseinandersetzungen und durch Eingriffe der Politik erreicht worden - etwa die Honorartrennung oder die Einrichtung eines hausärztlichen Fachausschusses.

Die Alternative -  die Übernahme der vollen hausärztlichen Versorgung in 73b-Verträgen mit einer eigenen Vergütungssystematik - hält der Hausärzteverband deshalb für unverzichtbar. Sichtbare Erfolge in Form relevanter Markt- und Honoraranteile hat dieses Modell allerdings bislang nur in Bayern und Baden-Württemberg. Neue Verträge sind nach den Plänen der Koalition nur noch mit hohen bürokratischen Hürden zu realisieren. Maß genommen wird dabei an den Vergütungsniveaus der KV-Kollektivverträge.

Das ist Wasser auf die Mühlen des KBV-Chefs, der nur im kollektivvertraglichen Monopol der KVen eine Chance für eine sichere Versorgung in Zukunft sieht.

Auf fast 60 Folien brannte Köhler gestern ein Feuerwerk an Erfolgen, Taten und Plänen für Hausärzte ab: eine stärkere Altersdifferenzierung der Honorare, bessere Berücksichtigung morbiditätsbezogenen Arbeitsaufwands, Zuschläge für Heim- und Single-Haushalts-Besuchen - generell: die Abbildung der ganzen Versorgungsbreite und -tiefe hausärztlicher Tätigkeit im EBM, so das Versprechen.

Und schließlich: Nachwuchsförderung. Fast 35 Millionen Euro stecken die KVen dieses Jahr in die Weiterbildung von angehenden Allgemeinärzten, 80 Prozent mehr als 2009.

David gegen Goliath
Versorgungs- und Umsatzanteile in Kollektiv- und Hausarztverträgen im Jahr 2009
Kollektiv-
vertrag
Add-On-Verträge nach § 73b SGB VBereinigungsverträge nach §73b SGB V
Anzahl (eingeschriebene) Versicherte in Mio.70,31,33,1
Anzahl (eingeschriebene) Ärzte in Tsd.142,023,310,6
Vergütungsvolumen
in Mio. Euro
30.785,211,2351,4
Quelle: KBV - Tabelle: Ärzte Zeitung

Add-on-Verträge sind ohne jede Relevanz

Bei globaler Betrachtung haben Hausarztverträge bislang nur marginale Bedeutung, die überhaupt nicht mit der Wucht korrespondiert, mit der die KBV um ihre Monopolstellung kämpft.
Die Fakten dazu hat die KBV gestern selbst präsentiert: Danach machten die Vertragsärzte 2009 im Kollektivvertragssystem der KVen einen Kassenumsatz von fast 31 Milliarden Euro. Dem steht ein Bereinigungsvolumen als Folge von Hausarztverträgen von 351 Millionen Euro gegenüber - das sind 1,1 Prozent des Kollektivvertragsumsatzes.
Auch der Anteil der Hausarztverträge an der Gesamtversorgung ist - bei bundesweiter Betrachtung - noch ausgesprochen gering: 3,1 Millionen Versicherte sind eingeschrieben - von 70,3 Millionen GKV-Versicherten in Deutschland insgesamt.
Anders sieht das natürlich bei regionaler Betrachtung aus. In Bayern (Bereinigungsvolumen 267 Millionen Euro) und Baden-Württemberg (knapp 85 Millionen Euro) haben die Vollversorgungsverträge nach Paragraf 73 b, die die AOKen mit den Hausärzten geschlossen haben, sowohl Versorgungs- als auch Honorarrelevanz. Hier sind die regionalen Hausarztverbände zu einer ernsten Alternative für die KV geworden.
Aufschlussreich sind auch die Daten, die die KBV zu den Add-on-Verträgen liefert: Hier sind nur 1,3 Millionen Versicherte eingeschrieben. Die 23 300 teilnehmenden Ärzte generieren dabei damit ein zusätzliches Honorar von 11,2 Millionen Euro. Pro Arzt sind das im Jahr 480 Euro. Dieses Modell wird von der KBV propagiert. (HL)

Lesen Sie dazu auch:
Zahlenstreit: Wie gut geht es den Hausärzten?

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