Ärzte Zeitung, 07.10.2010

Interview des Monats

Es wird zu viel über Geld, zu wenig über Medizin geredet

Nachwuchsförderung, Etablierung der Allgemeinmedizin an allen Hochschulen und Behandlungskonzepte für chronisch Kranke und multimorbide Patienten - der neue DEGAM-Präsident Professor Ferdinand Gerlach hat sich ein strammes Programm vorgenommen.

Ärzte Zeitung: Die DEGAM spürt deutlichen Aufwind. Die Mitgliederzahlen steigen und auch in der Fachöffentlichkeit wird die DEGAM stärker wahrgenommen. Worauf führen Sie das zurück?

Professor Dr. Ferdinand M. Gerlach

Es wird zu viel über Geld, zu wenig über Medizin geredet

Ferdinand Gerlach

© Uni Frankfurt

Aktuelle Position: Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Uni Frankfurt; Präsident der DEGAM

Werdegang / Ausbildung: 1980 bis 87 Studium in Göttingen, bis 1992 Weiterbildung zum Allgemeinarzt, bis 1994 Studium Public Health in Hannover; 1998 Habilitation.

Karriere: 1991 bis 2000 Leiter des Arbeitsbereichs Qualitätsförderung der Abteilung Allgemeinmedizin an der MH Hannover; 1992/93 Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Norddeutschen Forschungsverbundes Public Health; seit 1993 Niederlassung; Mitarbeit in hausärztlichen Gemeinschaftspraxen in Bremen, Kiel und Frankfurt; 2001 bis 2004 Professor für Allgemeinmedizin an der Uni Kiel, seit 2004 in Frankfurt; seit 2007 Mitglied des Gesundheits-Sachverständigenrates.

Privates: Professor Gerlach wurde am 8. Februar 1961 in Marsberg geboren.

Gerlach: Die DEGAM ist die einzige wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich auf die Belange der hausärztlichen Versorgung konzentriert und sich für eine positive Zukunft der Allgemeinmedizin einsetzt. Immer mehr Hausärzte erkennen das und wollen jenseits berufspolitischer Interessen die Entwicklung des eigenen Fachs in Praxis, Forschung und Lehre sowie in Fort- und Weiterbildung unterstützen. Ein Mitgliederzuwachs von zuletzt 28 Prozent innerhalb eines Jahres auf jetzt über 3600 spricht für sich.

Ärzte Zeitung: Wo wollen Sie die Akzente neu setzen, um die DEGAM strukturell weiter zu stärken und damit zukunftsfähig zu machen?

Gerlach: Zunächst durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur strukturellen Professionalisierung: Wir haben erstmals eine Bundesgeschäftsstelle eingerichtet, bauen die Öffentlichkeitsarbeit Schritt für Schritt aus, und unser Präsidium wurde gerade deutlich verjüngt. Im rein ehrenamtlich tätigen DEGAM-Präsidium ziehen jetzt jüngere Professoren für Allgemeinmedizin und erfahrene Hausärzte aus der Praxis an einem Strang. Wir erhöhen die Zahl der Aktiven, etwa durch die Gründung neuer Arbeitsgruppen zu drängenden Themen.

Ärzte Zeitung: Welche drängenden Themen wollen Sie denn prioritär aufgreifen?

Gerlach: Ganz oben steht die Förderung des Nachwuchses. Deutschland braucht dringend junge, engagierte Hausärzte. Wir wollen daher umgehend die Ausbildung an den Universitäten und die allgemeinmedizinische Weiterbildung verbessern.

Das zweite Thema kennt jeder Hausarzt aus der täglichen Praxis: Wir brauchen neue Konzepte für die allgemeinärztliche Betreuung einer zunehmenden Zahl von chronisch Kranken, insbesondere für unsere mehrfach erkrankten Patienten mit Multimedikation. Hier haben Hausärzte eine zentrale Rolle, hier liegt ihre Kernkompetenz, über die niemand sonst verfügt. Unser Motto: Allgemeinmedizin - spezialisiert auf den ganzen Menschen.

Das dritte Thema ergibt sich daraus: Wir müssen im Interesse des Nachwuchses und unserer Patienten an intelligenten neuen Versorgungskonzepten arbeiten und Antworten auf drängende Fragen finden: Wie soll die Praxis der Zukunft aussehen? Welche Strategien eignen sich für den ländlichen Raum?

Ärzte Zeitung: Wie wollen Sie all diese anspruchsvollen Vorhaben aber durchsetzen?

Gerlach: Um das zu realisieren, benötigen wir noch mehr Mitstreiter: Es gibt inzwischen immerhin schon an 17 von 36 deutschen Medizinfakultäten eigenständige Professuren für Allgemeinmedizin. Wir gehen hier aufs Ganze: Unser Ziel ist, wie in anderen Hauptfächern auch, allgemeinmedizinische Lehrstühle an allen Medizinischen Fakultäten zu etablieren.

Ärzte Zeitung: Welchen weiteren Themen stehen noch auf der Agenda?

Gerlach: Ein inzwischen allgemein anerkanntes Produkt der DEGAM sind unsere wissenschaftlich fundierten Leitlinien, die wir weiter ausbauen wollen. Eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Fachgesellschaften: Alle DEGAM-Leitlinien durchlaufen einen Praxistest und werden daher vor ihrer Veröffentlichung unter Alltagsbedingungen in hausärztlichen Praxen erprobt. Auch hier wollen wir noch weitere Leitlinien entwickeln, etwa solche, die von vornherein auch Komorbiditäten betroffener Patienten berücksichtigen.

Weitere Themen sind: die Einrichtung einer Akademie für allgemeinmedizinische Nachwuchswissenschaftler oder die Einbeziehung von Medizinischen Fachangestellten in Praxisforschungsprojekte. Auch um Themen wie Komplementärmedizin oder psychosomatische Versorgung sowie soziale Ungleichheit und Migration werden wir uns aktiv kümmern.

Ärzte Zeitung: Viele Lehrstühle für Allgemeinmedizin leisten wertvolle Arbeit im Bereich der Lehre und der Forschung. Wie wollen Sie die dabei gewonnenen Erkenntnisse stärker als bisher über die DEGAM publik machen?

DEGAM

DEGAM

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Allgemeinärzte.

Die gemeinnützige Gesellschaft wurde am 12. Februar 1966 in Bad Godesberg gegründet. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Erarbeitung von Behandlungs-Leitlinien für die hausärztliche Praxis. Bislang existieren 14 Leitlinien.

Die DEGAM gliedert sich in sechs Sektionen: Weiterbildung, Fortbildung, Studium und Hochschule, Versorgungsauf-gaben, Forschung, Qualitätsförderung. Aktuell hat die DEGAM 3600 Mitgieder.

Gerlach: Bisher machen wir schon viele gute Dinge, aber noch zu Wenige wissen davon. Die DEGAM strebt zukünftig eine deutlich größere Präsenz nicht nur in Fach-, sondern auch in Publikumsmedien an. Auch die interne Information unserer Mitglieder werden wir - etwa über Newsletter - intensivieren.

Ärzte Zeitung: Der Hausärzteverband steht derzeit stark im Fokus der Gesundheitspolitik. Wie beurteilen Sie als DEGAM-Präsident die derzeitige politische Marschrich-tung des Hausärzteverbandes?

Gerlach: Der Deutsche Hausärzteverband macht das, was seine zentrale berufspolitische Aufgabe ist: Er kämpft für die Zukunft der Hausärzte, dabei kämpft er mit harten Bandagen für neue Hausarztverträge, transparente Strukturen sowie für bessere und pauschalierte Honorare. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Trotzdem sehen wir die eine oder andere Aktion durchaus kritisch und sagen das auch. Ein Grundproblem sehe ich darin, dass aktuell zu stark über Honorare und zu wenig über Inhalte gesprochen wird. Eine Gratwanderung ist auch das Ausmalen unzumutbarer Arbeitsbedingungen. Dieses einseitige Schlechtreden der hausärztlichen Praxis verunsichert Studierende und junge Ärzte und wirkt abschreckend: Wer wird sich dann noch auf das vermeintliche Abenteuer Hausarztpraxis einlassen?

Ärzte Zeitung: Was wollen Sie von der DEGAM aus im Verhältnis zum Hausärzteverband ändern und verbessern?

Gerlach: Unser Verhältnis ist heute schon gut: Wir informieren, beteiligen und respektieren einander. Hausärzteverband und DEGAM haben gemeinsame Ziele. Doch eine tragfähige Zukunft der Hausarztmedizin erfordert neben dem berufspolitischen Engagement des Hausärzteverbandes zwingend auch ein fachlich-wissenschaftliches Fundament. Alle anderen Fachgebiete definieren sich über die wissenschaftlichen Inhalte ihres Fachgebietes und leiten daraus ihr Selbstverständnis ab. Auch wir brauchen neben dem Berufsverband unbedingt eine starke Fachgesellschaft, um eigene Inhalte erforschen und die Qualität der Arbeit besser belegen zu können. Ich bin sehr optimistisch: Beide Organisationen ergänzen sich hervorragend und können und werden gemeinsam noch mehr erreichen.

Ärzte Zeitung: Was kann die DEGAM dem Allgemeinarzt in der Praxis bieten, damit sie auch für den Hausarzt noch attraktiver wird?

Gerlach: Mitglieder der DEGAM unterstützen zunächst einmal ganz unmittelbar die Entwicklung und Zukunftssicherung unseres Fachs, der Allgemeinmedizin. Nur eine starke DEGAM - und das heißt eben auch mit einer starken Mitgliederzahl - kann wirkungsvoll die Interessen der Allgemeinmedizin vertreten. Da die DEGAM konsequent auf jegliches Pharma-Sponsoring - etwa in der eigenen Zeitschrift und auf eigenen Kongressen - verzichtet, ist sie auf die Mitgliedsbeiträge unmittelbar angewiesen. Auf www.degam.de nennen wir darüber hinaus "Elf gute Gründe für eine Mitgliedschaft". Dazu zählen unabhängige Informationen durch die kostenfreie Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA), der aktuelle E-Mail-Service "DEGAM-Benefits" zu hausärztlich relevanten Studienergebnissen und die DEGAM-Leitlinien "von Hausärzten für Hausärzte".

Ärzte Zeitung: Wenn Sie in den nächsten drei Jahren drei Wünsche frei hätten, wie sähen diese aus?

Gerlach: 1. Schluss mit der reinen Kostendiskussion und der unzureichenden und einfallslosen Konzentration auf die Einnahmeseite.

2. Statt dessen Anpacken der wichtigen Strukturfragen, zum Beispiel der doppelten Fehlverteilung: Immer mehr Fachärzte stehen zu wenigen Hausärzten gegenüber und die meisten Ärzte sind dort tätig, wo sie am wenigsten gebraucht werden: in überversorgten, wohlhabenden Bezirken unserer Ballungsräume. Hier und bei der abstrus hohen Zahl von Arzt-Patient-Kontakten benötigen wir dringend den Mut zu strukturellen Entscheidungen, insbesondere zu mehr Kooperation und durchdachter Vernetzung. Mit den üblichen kosmetischen Veränderungen - etwa bei der Honorarverteilung - kommen wir nicht mehr weiter.

3. Konsequente Stärkung der hausärztlichen Grundversorgung auf allen Ebenen (insbesondere der Aus- und Weiterbildung) sowie Schaffung finanziell und strukturell attraktiver Arbeitsbedingungen für den Nachwuchs.

Die Fragen stellte Raimund Schmid.

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