Ärzte Zeitung, 09.11.2010

Integrierte Versorgung

Was ist nötig? Anreize und Ruhe an der Gesetzesfront

Die Politik braucht mehr Geduld - und Innovatoren bessere Anreize. Das würde IV besser fördern.

Die Entwicklung neuer, effizienterer Versorgungsformen im Gesundheitswesen braucht Zeit und Geduld. Ihre Etablierung erfordert aber auch teils massive Anreize.

Beispielsweise die Integrationsversorgung: Die wohlgemeinten Paragrafen 140 a folgende, die im Jahr 2000 in Kraft traten, blieben vier Jahre lang ohne Leben, weil eine Finanzierungsgrundlage fehlte.

Anders hingegen die Disease-Management-Programme (DMP), die aus der Sicht von Dr. Christian Graf, der bei der Barmer GEK die Versorgungsprogramme gestaltet, inzwischen zu einer Erfolgsgeschichte geworden sind.

Er nennt drei Voraussetzungen für die künftige Weiterentwicklung: DMP müssen EDV-gestützt organisiert werden, sie müssen qualitätsgesichert sein, und der Fokus muss auf die großen Volkskrankheiten gerichtet sein.

Aus seiner Sicht ist eine Kombination mit Verträgen zur Integrationsversorgung möglich. Die finanziellen Anreize - für Krankenkassen über den Risikostrukturausgleich, für Vertragsärzte über gesonderte Honorierung bei der Einschreibung und Betreuung von DMP-Patienten, haben eine erhebliche Dynamik erzeugt, die aber jetzt, nachdem die ökonomischen Anreize zurückgefahren worden sind, nachlasse.

"Zeit lassen, insbesondere auch bei der hausarztzentrierten Versorgung!" - das fordert Klaus Schäfer, Vizepräsident der Ärztekammer Hamburg und Vertreter des Hausärzteverbandes.

Seine Kritik richtet sich auf die komplexe Vertragsabwicklung, die ein "Geschenk für Juristen" sei. Die Ursache: Alle 73b-Verträge müssen regionalisiert abgeschlossen werden.

Von Kasse zu Kasse gibt es Unterschiede. Das erschwere die Arbeit von Ärzten an Landesgrenzen, aber auch im Einzugsbereich von Universitäten. Gleichwohl sei die Mandatierung des Hausärzteverbandes als ein zweiter Weg zu Versorgungsverträgen neben den KVen richtig gewesen.

Ein vernichtendes Urteil fällt Professor Björn Bergh vom Zentrum für Informations-Management an der Uniklinik Heidelberg, über die IT-Infrastruktur im Gesundheitswesen: "Da kommen einem die Tränen. Es gibt zu wenig Sachverstand, zu wenig Anwenderbezug, zu wenig Erfahrung." Die Potenziale zur Qualitätssteigerung durch Informationstechnik werde unbeachtet gelassen, Chancen werden vertan. Krankenhäuser seien bei der Entwicklung der E-Card nicht hinreichend integriert.

Schwerpunkt Integrierte Versorgung:
Hoffnungsträger oder große Illusion?
Das Problem Multimedikation
Implus für Innovationen
Gesundes Leben, gesunde Arbeit
Was ist nötig? Anreize und Ruhe an der Gesetzesfront
Die Chronik der Integrierten Versorgung
Kommentar: Was fehlt, ist Geduld

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